Donnerstag, 7. Juli 2016

Spieltag 21

Die Aufregung steigt. Sogar so sehr, dass  ich gestern das Beweisfoto vergaß. Ich tröste mich damit, es hätte sich nicht wesentlich von dem des vorangegangenen Spieltags unterschieden. Außer vielleicht, dass die Bekleidung etwas mehr Herbstkonfektion bot. 
Insgesamt passte es zum Tag, dass auch der Abend nicht nach Wunsch verlief. War ja klar, dass der Favorit, aber nicht die von und favorisierte Mannschaft gewann. Die Zweckoptimistin in mir sagt: vergurkte Generalprobe führt zu fulminanter Aufführung. 
Es ist aber auch aufregend! Nicht jeden Abend liest man irgendwann zwischen 18:35 und 18:42 Uhr im Literaturhaus und muss später in die Gerd-Müller-Gedächtnis-Halle hechten, um der Übertragung des deutschen Halbfinalspiels beizuwohnen.

Mittwoch, 6. Juli 2016

Spielfrei VI

In vorfristigen Herbststürmen kommt man auf lustige Ideen. In meiner Freude darüber, dass es sich bei den zahlreichen schwarzen Punkten an der Gäste-WC-Decke nicht um Schimmelsporen handelt, vergaß ich glatt meine Phobien. Es sind süße kleine Spinnenbabies. Unterdessen verwandeln sich die Punkte in etwas konturiertere Tierkörper. Wäre doch herzlos gewesen, die kleinen schwarzen Goldschätze von ihrer Mutter zu trennen! Wenn mir mein Terrarium zu voll wird, plane ich, sie zur Freude unserer Heimleitung im Keller auszusetzen. Ich kann nämlich auch Gutmensch.

Dienstag, 5. Juli 2016

Spielfrei V

Man macht, was man so machen muss, an einem kalten Herbstabend. Ein warmes Essen kochen, einen Tee trinken. Ihr kennt das. Beim Fernsehen entweder Bügeln, Strümpfestopfen oder Stricken. Dann endlich einmal früher ins Bett gehen. Aber warum ist es kurz vor elf noch nicht dunkel?

Montag, 4. Juli 2016

Spieltag 20

Wir wieder entre nous. Relativ schnell war klar, dass das Fußballwunder an diesem Abend nicht stattfände. Zeit, wichtige Fragen des Lebens zu erörtern. Wie zum Beispiel die, ob Eigentore bei der Topscorer-Wertung auch angerechnet werden. Die Recherche parallel zum Spiel ergab ein klares Nein. Oder die, ob man jetzt noch das Bügelbrett hole. Oder die Halle feucht durchwische. Auch hier ein klares Nein. Stattdessen drehten sich die Bedürftigen lieber Zigaretten für die Halbzeit. In der konnte ein "Flamingo-Sonnenuntergang" bewundert werden. So sieht es nämlich aus: das Wetter in Hamburg ist besser als das in Paris. Und in Sachen Mode hinkt man auch nicht hinterher: man trägt hier das Beinkleid passend zu den Witterungsverhältnissen.

Sonntag, 3. Juli 2016

Spieltag 19

Meinetwegen hätte es kein Elfmeterschießen geben müssen. Meine Nerven! Und nicht nur meine. Wir hatten die gesamte Emotionsbandbreite. Von Kindern, die jeden Elfmeter mit einem freudigen Geklapper auf ihrer nervtötenden Plastikhand begleiteten - egal welcher Mannschaft -, weil sie das Spiel nicht durchschauten, bis hin zu gestandenen Männern, die dem Bildschirm ihren Hintern zuwandten und ihren Kopf ganz tief im Polster ihres Sessels zu verstecken suchten, weil sie es nicht aushielten. Dazwischen Zitternde, Weinende, Fluchende, Orakelnde. Mehr Aufregung wird auch in Italien nicht möglich gewesen sein.
Eins muss ich allerdings noch loswerden (stellvertretend für die 80 Millionen Bundestrainer): Jogi und Co.! Wenn Ihr Özil noch einmal Elfmeter schießen lasst, gibt's dermaßen Backensalat! Man kann nicht bei jeder Mannschaft darauf vertrauen, dass die Anderen genauso schlecht schießen.


Samstag, 2. Juli 2016

Spieltag 18

Zu späterer Stunde kamen die Mitseher. Wenn auch nicht allzu zahlreich. Wie sollen die Belgier gewinnen, wenn ich mutterseelenalleine "Thibault!" skandieren muss. Immerhin, das Spiel war munter wie es in den blöden Kommentaren gerne heißt. 

Apropos intelligenter Kommentar, ein Kollege berichtete mir gestern von einer Begebenheit, die danach schreit, an dieser Stelle veröffentlicht zu werden. Tief in meinem Herzen vermute ich, dass er sie mir genau aus diesem Grund erzählte. Wenn ich mich auch so kurz vor meinem literarischen Durchbruch befinde... Aber ich schweife wieder einmal ab. Es begab sich so: Eine Frau - Typ Lehrerin einer Waldorfschule - führt ihre beiden kleinen Hunde aus. Einer der beiden lässt sich durch nichts davon abbringen, an einem Grasbüschel zu schnüffeln, und weigert sich den Spaziergang fortzusetzen. Sie zu ihrem vierbeinigen Liebling: "Das sollst du doch nicht! Das hatten wir doch besprochen!" Nach wie vor frage ich mich: Ob es wohl anthroposophische Hundeschulen gibt? Und wie sehen die Eurhytmie-Stunden unter Hunden aus?

Freitag, 1. Juli 2016

Spieltag 17

Es gibt keinen Fußballgott. Der hätte wahrgenommen, dass ich den ganzen Abend mit schmuckem Polska-Hut verbracht habe. Und um wieder einmal Guido Maria zu bemühen: der Hut tut nichts für sie. 

Gäbe es einen Fußballgott, er hätte mein Opfer bemerkt. Manch' einer sagt, das Ergebnis habe ich mir selbst zuzuschreiben. Warum weigere ich mich auch, unsere Voodoopuppe auf Cristiano Ronaldo umzurüsten? Freunde, es geht um höhere Ziele! Sie ist schon seit dem Italiensieg mit Buffon verziert. Und das ist auch gut so.
Im übrigen ist auch die Existenz eines Wettergottes fraglich, wenn man sich im Sommer wie ein Obdachloser über die warme Luft freut, die aus den Garagenausfahrten in der Hafencity auf den Bürgersteig wabert.