Mittwoch, 18. Oktober 2017

Jugendlichenmund

Meine Teilhabe am Leben meiner Kinder ist sehr eingeschränkt. Beim Sohn war es schon immer so. Eltern von Söhnen verstehen vermutlich die Problematik. Fragen nach der Schule werden maximal einsilbig beantwortet. Weitere Nachfragen werden in jedem Fall mit einem Augenrollen, meist auch mit lautstarkem Aufstöhnen quittiert. Bei der Tochter war mehr an Information zu holen. Zu Grundschulzeiten erfuhr ich die Interna aus der Klasse des Sohnes von ihr. Goldene Zeiten. Unterdessen sehe ich sie zu selten, um über mehr als Wäschewaschen oder Hygienestandards in der Wohnung zu sprechen.
Es scheint jedoch ein Naturgesetz zu sein, dass die Brut immer dann extrem mitteilsam ist, wenn ich mich gerade vor den Fernseher geparkt habe und eigentlich in Ruhe der Handlung folgen möchte. Meine Bemerkung, "Ich möchte da zuhören.", wird auch wieder von ausdauerndem Augenrollen flankiert. Spätestens beim "Pssst!" kann ich damit rechnen, dass mir Lieblosigkeit, Desinteresse oder Drastischeres vorgeworfen wird. Letztes Mal war die Reaktion des Sohnes immerhin so, dass sie am Ende unterhaltsamer war als der Tatort, dem ich eigentlich folgen wollte: "Mama, du hast wohl heute einen Pantomimen gefrühstückt."

Technik, die begeistert

Meine virtuelle Ruhe hat weniger damit zu tun, dass ich keine Inspiration oder viel zu viel um die Ohren habe. Sie hat eher technische Gründe. Manch‘ einen wird das nicht wundern, kennt er mich doch als Technikspacken. Doch diesmal scheint meine Unfähigkeit höchstens zweitrangig zu sein. Das kam so:
Das iPhone quakte mich schon seit langem an, ich solle das Update auf iOS Elfpunktirgendwas durchführen. Ich scheute mich. Schließlich waren bisher bei jedem dieser Updates immer meine Musik, häufig meine Fotos und manchmal meine Kontakte unwiederbringlich verloren gegangen. Letzten Samstag bin ich dann ungewollt eingeknickt. Ich war noch müde und tippte „Ja“ und „Azeptieren“ an. Vielleicht nicht so schlimm; schließlich habe ich ohnehin nie Kopfhörer, um Musik zu hören. Die sind ungefragt (Ehrensache!) in den Besitz des Sohnes übergegangen. Als das Telefon wieder anging, sah es zwar etwas ungewohnt aus, aber alles war noch an seinem Platz. Ich freute mich. Aber nur kurz.
Die App für die Posts ging nicht mehr. Fand ich noch nicht so schlimm. Ich beschloss, im AppStore (komisches neues A) einfach eine neue Version herunterzuladen. Ok, sie hatte einen neuen Namen und eine andere Funktionalität, was mich als spontankonservativen Menschen nicht unbedingt für sie einnahm. Der Ärger kam, als ich feststellte, dass man in der Gratisversion nichts hochladen kann. Großartig für eine Blog-App! Na gut, dann eben die Bezahlvariante - was sind schon 5,49€? Die wiederum lässt sich nicht herunterladen. Ehrlich, ich habe es wirklich mehrfach auf verschiedenen Wegen versucht. Danke Apple und danke Google! Ich lebe gerne im sekundären Urzustand der Steinzeit. Und im Zirkelbezug sowieso.

Montag, 16. Oktober 2017

Gesammelte Werke

Ein Wechselbadwochenende. Erst hatte ich keine Brieftasche, als ich Freitag bei der Arbeit ankam. Es gab die Alternativen Vergessen, Verloren oder Geklaut. Ich hoffte auf Ersteres. Um das in Erfahrung zu bringen, klingelte ich die Tochter aus dem Bett, die zum Glück ein nächtliches Gastspiel bei uns gab. Entsprechend verlangsamt waren ihre Reaktion und ihre Suche. Noch mehr Glück: die Brieftasche liege auf dem Küchentisch, sagte sie irgendwann nach sehr, sehr langer Zeit. Nun gab es nur noch das Problem mit der Mittagspause; sie zu bestreiten gestaltete sich ohne Geld und Hausausweis schwierig. Ein Freund und Kollege hielt mich aus. Und ich kam neben der pekuniären Lösung in den Genuss eines höchst vergnüglichen Lunchs.
Doch dann dachte ich, Freitag, der 13. setze sich am Samstag, den 14. fort. Ich nötigte den Sohn, an den Entrümpelungen seines Zimmers zumindest mitzuwirken. Als wir gerade eine Matratze unsere Showtreppe herunterwuchteten, glaubte ich mich bereits auf der letzten Treppenstufe, war aber erst auf der vorletzten oder gar vorvorletzten, und verknackste mir fies den linken Fuß. Als ich im wahrsten Wortsinne am Boden lag, fiel mir wieder auf, wie sinnvoll doch die Fähigkeit zum räumlichen Sehen sein könnte. Das Gute war: alle Folgearbeiten dieser Disziplin verschoben sich in die alleinige Obhut des Sohnes (der sich allerdings noch Unterstützung von seinem Freund holte).
Zum Abend standen dann die Zeichen auf Party. Als ob das nicht genug der Freude wäre, bot mir besagte Feier auch noch die Möglichkeit, die Tochter zu sehen. Sie schrieb mir - ausnahmsweise keine Sprachnachricht! -, dass sie auch am Start sei. Ich antwortete ihr, sie erkenne mich am Kleid. Darauf erstarb die Kommunikation. Ein wenig schwierig wurde es bei der Vorbereitung, meinen Fuß in die Sandale zu pressen. Aber offenes Schuhwerk Mitte Oktober, das muss ausgenutzt werden! Da muss man sich schon mal am Schlüpper reißen. 
Auf der Party gab es ein zu dekorierendes Gästebuch für die Jubilarin. Das befand sich aus Diskretions- wie aus Klimagründen auf dem Balkon. Ebenso erfreulich wie unerwartet, dass ich die Bastelarbeiten trotz Schummerlicht unverletzt überstand. Nicht umsonst bin ich die Einzige in unseren Breitengraden, die es geschafft hat, sich auf einem Kindergarten-Elternabend eine Kinderschere so in den Handteller zu rammen, dass ich blutete wie abgestochen und mich freute, dass die Schere nicht auf dem Handrücken herausguckte. 
Es war eine schöne Geburtstagsfeier. Die Tochter meinte: „Mama, du fühlst die Playlist, oder?“ Und sie hatte recht. Doch nicht nur die Musik war - wie die Tochter sagte -  „ein Banger“. Auch die bildende Kunst kam nicht zu kurz. Ich bekam mein kürzlich erworbenes Bild. Es ist nun wirklich in meinem Besitz! Selbst dem Sohn gefällt es. 
Dass ich jedoch nach ausgiebigem Partyleben erst sehr spät im Bett war, ließ den Sonnensonntag sehr kurz werden. Außerdem war ich ganz offenkundig noch nicht im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte, als ich nach dem Aufstehen (Vormittag konnte man nicht mehr dazu sagen) auf dem Balkon die Zeit las. Die Literatur-Beilage hatte ausschließlich Schule zum Thema. Irgendwie sehr einseitig. Beim Zuschlagen des Heftes löste sich das Rätsel auf: ich hatte den Titel falsch gelesen, es war die Beilage „Zeit Abitur“ (nicht Literatur). Manchmal fehlt mir nicht nur das räumliche sondern auch das sinnentnehmende Sehen.

Donnerstag, 12. Oktober 2017

All In

Mein Peinlichkeitspoker geht in die nächste Runde. Ich schaffe es nicht nur, wochenlang Handwerker zu drangsalieren, damit sie unnütz vorbeikommen. Ich kann mir auch Kontaktlinsenlösung ins Auge geben, die keinesfalls dorthin darf. Mit dem Erfolg, dass ich den gestrigen Tag wie ein bebrilltes Kaninchen aussah. Und mich auch heute noch - sagen wir - rosa Augen zieren. Mal sehen, was der heutige Tag bereithält.
Immerhin kann ich mich damit trösten, dass ich in diesem Spiel im Sohn meinen Meister gefunden habe. Der Zustand seines Zimmers sollte ihm extrem peinlich sein. Allerdings befürchte ich, dass ihm in diesem Punkt Schämen vollkommen abgeht. So bleibe ich am Ende doch wieder allein in der Partie.

Mittwoch, 11. Oktober 2017

Mental Hangover

Der gestrige Tag geht nicht nur als der 17. Geburtstag des Sohnes oder als internationaler Tag des Hundes in die Annalen ein. Es ist auch der Tag, an dem der Klempner endlich Zeit für uns hatte. Und es auch der Tag, an dem ich ihn umsonst bestellte. Denn die seit Wochen defekte Toilettenspülung beschloss, pünktlich zum Besuch des Fachmannes wieder ihren Betrieb aufzunehmen. Ohne irgendwelche Einschränkungen. Ich denke, ich sollte meine Haare blond färben. Passt auch super zum rot gewordenen Gesicht.

Dienstag, 10. Oktober 2017

Der Jubilar

Manchmal bin ich beeindruckt, wie sehr meine Kinder wie ein Ehepaar nach der Diamantenhochzeit wirken. Als ich das Glück hatte, die Tochter vor nicht allzu langer Zeit einmal zu sehen, erkundigte ich mich bei ihr, ob sie schon ein Geschenk für ihren Bruder habe. "Wir schenken uns nichts", war ihre Replik. Geht es noch protestantisch-freudloser? Gestern fragte sie mich dann (wieder wie üblich via dreiminütiger WhatsApp-Sprachnachricht, an der alle Kollegen teilhaben konnten, weil der Sohn mir natürlich den Kopfhörer gemopst hat), ob ich glaube, dass es ok sei, wenn sie erst im Laufe des Tages zum Geburtstag ihres Bruders erscheine. Sie sei von ihrer Freundin - nach einem unmenschlich langen Monat Abwesenheit gerade erst wieder zurück in Hamburg - zum Nick Cave-Konzert eingeladen. Da werde es sicher später und dann sei es besser, wenn sie bei ihrem Freund übernachte. Das sehe ich doch auch so? Wer wollte so vielen Worten widersprechen? Nach einigen Jahren des Zusammenlebens sollte das kein Problem sein. Eine Assistenz bei der Vorbereitung hatte ich ohnehin nicht erwartet. So ging es nach der Arbeit im Schweinsgalopp zum Einkaufen, Kuchenbacken, Dekorieren. Ich legte dem Sohn nahe, er wolle am Vorabend seines Geburtstages doch bestimmt früh ins Bett gehen. Er hatte noch eine viel bessere Idee: er verbringe den Abend in der Wohnung seiner Großeltern, in der aus Gründen zufällig gerade sein Freund untergebracht ist. Auch gut. So konnte ich ungestört wirtschaften. Irgendwann kam dann doch der kleine Junge in ihm durch, als er an der Wohnungstür klingelte, sich (ungelogen!) die Augen zuhielt und mich bat, ihm Schlafsachen zu geben, damit er auch im Exil übernachten könne. Blind taperte er ins Badezimmer, um sich dort noch die Zähne zu putzen. Ich musste an mich halten, um die asiatische Gesichtsbeherrschung zu wahren und um ihm zum Pyjama nicht noch ein Kuscheltier mitzugeben.

Montag, 9. Oktober 2017

First Things First

Gestern hatte ich ungewohnt hohen Besuch (und ich im Räuberzivil ohne auftoupierte Haare!). Die Tochter und ihr Freund fanden sich ein. Wahrscheinlich lag ihr Auftritt daran, dass ich in der vorangegangenen Nacht von ihnen träumte: Sie hatten beschlossen zu heiraten. Ich wunderte mich nicht sonderlich. Ich fand nur, dass es nun aber endlich Zeit werde, seine Eltern kennenzulernen. Im Grunde meines Herzens weiß ich, dass ich die Ehre eher ausgehender Wäsche zu verdanken habe und der Freund der Tochter wahrscheinlich anbot, sie mit dem Auto in ihre vermeintliche Homebase zu fahren. So oder so, ich freute mich. Nicht nur, weil die Tochter Ordnung machte und der nette Freund sich andiente, die abgebrannten Feuerzeuge des Haushalts mit Kraftstoff aufzufüllen. Währenddessen echauffierten sie sich unisono über Dreck und Unordnung ihrer jüngeren Geschwister. Es gibt da wohl einige Parallelen zwischen dem Sohn und der Schwester des Freundes. Als Zweitgeborene konnte ich nur mäßig mitreden. 
Was ich sagen kann: dass ich heute früh natürlich ihre Gläser, Tassen und Kannen wegräumte. Sie übernachteten wie üblich bei ihm.