Donnerstag, 24. Mai 2018

Bald geht‘s los

Dem Paniniheft fehlen nur noch 22 Sticker (nahezu ausschließlich Glitzerbilder - honi soit qui mal y pense) von 680 (wie viel macht das in österreichischen Schilling?), am Wochenende ist Champions League-Finale. Der Sohn plant am Sonnabend gegen 20 Uhr zu schlafen, weil ihm als Liverpool-Fan die Anspannung zu groß ist. Alles Indikatoren, dass die WM bald losgeht. Die Aufregung steigt auch bei den Erwachsenen. Naja, zumindest bei einigen. Da ist es ja wohl Ehrensache, den vorgeschlagenen Operationstermin im Juni kategorisch abzulehnen. Zumal ich laut orthopädischer Auskunft ohnehin fünf bis zehn Jahre später aufschlage, als zu erwarten war. Da werde ich dann wohl auch noch ein paar weitere Wochen warten können, bis der Sommer vorbei ist. Außerdem weiß ich nicht, wie ich in so wenig verbleibender Zeit - wir schreiben Ende Mai! - die zukünftig unerlaubten Dinge noch alle abarbeiten soll. Freizeitstress ist schließlich auch ungesund.



Mittwoch, 23. Mai 2018

Nach Pfingsten

Wenn die freien Tage vorbei sind, lässt sich die Routine noch etwas bitten. Was bei mir wahrscheinlich weniger an Feiertagen liegt als mehr an den unfreiwillig untätigen Tagen, die ich in den zwei Wochen davor verbracht habe. Immerhin merke ich, trotzdem kein Einzelschicksal zu sein. Alle tun sich schwer mit frühem Aufstehen - und vielleicht noch schwerer mit früher Schlafenszeit. Das wurde mir umso bewusster, als ich heute früh auf der Suche nach dreckigem Geschirr der Brut entdeckte, dass überraschend kein Abwasch um das Sofa drapiert war, sondern ich darauf die beste Freundin der Tochter zusammengekauert schlafend vorfand. Zu meiner Entschuldigung muss ich sagen, dass ich ohne Kontaktlinsen blind wie ein Maulwurf bin, so dass ich sie erst in Atemnähe wahrnahm. Ich weiß nicht, ob mir mein Krach vorher oder ihr geringer Schlafkomfort unangenehmer war. Warum durfte sie nicht halbwegs bequem bei der Tochter im Bett schlafen? Ich hoffe, Teenager kennen noch keine Verspannungen. Ich kann mich nicht mehr zweifelsfrei erinnern.
So oder so wird es höchste Zeit für neue Routinen. Der Plan meines Kollegen und Freundes: „Eis um Fünfzehnhundert!“ Damit lässt sich arbeiten.

Montag, 21. Mai 2018

Pfingsten

Es hätte so schön sein können. Das Wetter entsprach der Vorstellung von Feiertagen im Mai. Am Pfingstsonnabend schnell noch ein Fahrrad gekauft, das mich trainiert und leichtgängig ist. Trotz Neuerwerbs plante ich, den weiten Weg in Hamburgs Nordwesten mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückzulegen. Vielleicht der erste Fehler des Wochenendes. Schienenersatzverkehr gepaart mit diversen Baustellen und Rettungseinsätzen verlängerte die Reisezeiten merklich. Egal, an Feiertagen gibt’s keine Eile. Als ich dann Sonntagnachmittag/-abend beschloss, einen kleinen Ausflug mit dem neuen Rad zu unternehmen, wurde ich erstmals missmutig. Das Schloss, für das ich mich auf Anraten des Fahrradhändlers entschieden hatte (eigentlich hatte ich ein hübsches, quietschgrünes ausgewählt, von dem mir der Verkäufer - wahrscheinlich aus Provisionsgründen - abriet und stattdessen ebendieses empfahl), ließ sich anfangs nicht öffnen und anschließend ohne fremde Hilfe nicht schließen. Es gibt weniges, bei dem ich die Geduld verliere. Wenn Technisches nicht funktioniert, werde ich jedoch schnell laut und ungehalten. Ein Phänomen, das den Sohn stets zu Kommentaren veranlasst. Was mich umso mehr auf die Palme bringt. Als Gebrauchsanweisung brachte das Schloss lediglich Hinweise zur Installation am Rad mit. Vom Öffnen und Schließen war nicht die Rede. Na, toll! Während ich fluchte („Muss man für das verkackte Schloss Maschinenbau studiert haben, um es nutzen zu können?“), versuchte die Tochter sich daran. Auch sie scheiterte. Ich konnte mich nicht entscheiden, ob mich diese Tatsache weniger oder mehr erboste. Anders als ihre Mutter erging sie sich nicht in Flüchen, sondern googelte, wie sich das Modell Trelock 480 schließen lässt. Das kluge Kind. Blöd nur, dass sich das Internet in dieser Hinsicht als unbrauchbar herausstellte. Bleiben wir also doch bei Pranks und Schmink-Tutorials. Zu allem Überfluss klingelte es. Die Nachbarin auf der Suche nach Holzkohle. Auch sie musste meine Tiraden über sich ergehen lassen. Konnte allerdings nur wenig sachdienliche Hinweise geben. Wenigstens hatte das Intermezzo zur Folge, dass ich mich etwas beruhigte. Dann klappte es auch mit dem Schloss. Nur dass es unterdessen schon zu spät für die Tour war. Ganz auf Normalnull war ich noch nicht wieder, als ich statt eines Ausflugs die verdörrten Äste der Mandelbäumchen abknapste. Fast das Gleiche. Als ein Nachbar dazu einen Spruch brachte, hätte ich ihm Volley eine drücken können. Man muss es auch nicht übertreiben mit der christlichen Nächstenliebe, finde ich.

Sonntag, 20. Mai 2018

Kurz vor Pfingsten

Am Ende fand sich doch noch eine schwindelfreie Nachbarin, die dankenswerterweise die dreckige Aufgabe übernahm, dem Taubennest den Garaus zu machen. Vorher hatten die Anderen - allesamt nicht höhentauglich (ob bei uns die Ansammlung so vieler Höhenängstlicher schon statistisch auffällig ist?) - ihre Jugend wieder aufleben lassen, indem sie versuchten, eine Variante des Basketballs zu spielen, Bälle in den Eierkorb sozusagen. Doch die alten Zeiten, so sie denn jemals da waren, ließen sich nicht zurückbringen. Das Projekt „Bälle nach Nestern werfen“ scheiterte. Nicht weiter tragisch, denn besagte Nachbarin erbarmte sich. Nun waren die Bälle da - und wir beschlossen, sie zur Vereitelung weiteren Nestbaus auf dem Fenstersims zu platzieren. Ein Abend/eine Nacht war Ruhe. Danach fand es das Taubenpaar mit den flauen Bällen loungiger als je zuvor. Zum Glück hatte die aus dem Urlaub zurückgekehrte Nachbarin eine Idee: Wasserpistolen. So verbrachten wir die Zeit mit martialischen Ritualen. Mein neues Lebensmotto: Soak more, Soak fast. Was soll ich sagen? Die Tauben scheinen dauerhaft fort zu bleiben. Die Wunderwaffen wirken. Die Bundeswehr kann dagegen einpacken. Nimm das, Granaten-Uschi!

Mittwoch, 16. Mai 2018

Wozu in die Ferne schweifen

Der Sohn findet, Karlsson vom Dach sei der Mensch mit dem schlechtesten Charakter. Neben der Großspurigkeit stört ihn vor allem, dass er den armen Lillebror manipuliere, ihm zum Beispiel sein Geld aus der Tasche ziehe. Der sei doch der jüngste von allen und so hilflos. Als Mutter freut mich diese Empathie. Er hätte Karlsson unterdessen auch schon vergessen haben können. Allerdings finde ich, man muss nicht in Schweden und in der Fiktion nach charakterlosen Menschen suchen. Sie befinden sich manchmal ganz nah am eigenen Umfeld. 

Montag, 14. Mai 2018

Damals

Früher in meiner Jugend und Kindheit - damals, als noch nachgeschenkt wurde - galten Orthopäden aus Gründen als die etwas robusteren unter den Ärzten. Der eine oder andere fand sie sogar noch hemdsärmeliger als Chirurgen. Wer einmal halbwegs wach in einen orthopädischen OP-Saal hereingerollt wurde und die Werkzeuge an den Wänden gesehen hat, bekommt solche Vorurteile irgendwie bestätigt. 


Zu früheren Zeiten war diese Berufssparte meiner Erfahrung also nach nicht allzu bekannt für allzu viel Gefühliges. Umso überraschender, wenn mir heute ein Orthopäde erklärt, er von sich aus sei sofort bereit zu einer Operation, ich müsse das aber fühlen. Sonst hätte die Operation wegen des negativen Karmas keinen Wert. Nie, nie hätte ich ähnlich Transzendentales von jemandem erwartet, dem man zusätzlich zu seiner Berufswahl auch den American Football-Spieler ansieht („Sind Sie mit Maximilian von Garnier verwandt? Mit dem war ich bei den Blue Devils.“). Immerhin, seine überrascht-negative Reaktion auf mein Röntgenbild war gewohnt kernig. Man will ja nicht in allen Grundfesten erschüttert werden.

Freitag, 11. Mai 2018

Traumpaar

Als ob sie um meine eingeschränkte Mobilität wüssten, haben sich Tauben in einer Ecke zwischen meinem Schlafzimmer und dem Wohnungseingang ein Nest gebaut. Im Grunde war ich nicht ganz unglücklich darüber, dass es von meinen Schlafzimmerfenstern aus nicht einzusehen und nicht zu erreichen war. Sonst hätte ich die mörderische Aufgabe übernehmen müssen. Da ich die Brutstätte jedoch aus mehrerlei Gründen (Dreck, Krach, Präzedenzfall) losgeworden wäre, schrieb ich eine Nachricht an alle Nachbarn mit der Bitte, mir bei der Beseitigung zu helfen. Prompt reagierte der Lieblingsnachbar. Als Einziger. Ich solle das Problem als gelöst betrachten, er kümmere sich. Ja, es gibt sie noch, die Kavaliere der alten Schule. Blöd nur, dass er - wenn auch ohne mein körperliches Handicap - ansonsten die gleichen Widerstände spürt wie ich: Höhenangst und sich schuldig zu machen am Tod von Lebewesen. Anders als ich hat er immerhin versucht, die ersten drei Meter der Leiter zu erklimmen, ehe er die tödliche Mission abbrechen musste. Jetzt lerne ich ihn mit all‘ seinen Zweifeln kennen, meinte der Nachbar. Sie sind mir nicht fremd. Umso höher rechne ich ihm die Aktion an. Und umso gerührter war ich. Gilt ganz bestimmt nicht für alle, aber hatte ich erwähnt, dass ich die besten Nachbarn der Welt habe? Wen stört da Taubendreck.