Freitag, 10. April 2020

Karfreitag 2020

Eigentlich wurde das Selbstgeißelungspotential in den vergangenen Wochen schon nahezu ausgeschöpft. Deswegen war es schwer, adäquates Tagesprogramm für heute zu finden. Meine Wahl zum Karfreitagsfrondienst fiel auf ausgiebigen Wohnungsputz. Ob das ausreichend Buße ist, können nur Menschen beurteilen, die mit kirchlichen Riten vertrauter sind als ich. Der Sohn wollte an diesem Tag wahrscheinlich sicherheitshalber noch zu meinem Leiden beitragen. Da die Friseure auf unbestimmte Zeit geschlossen haben, er den Aufsatz seiner Haarschneidemaschine nicht fand - und Suchen nie eine Option ist, beschloss er, sich seiner lästigen Kopfhaare in Gänze zu entledigen. Im Anschluss lief er wie eine Madonna durch die Wohnung, einen  schwarzen Pullover um Kopf und Gesicht drapiert. Meine Frage, ob er keine Cap habe, empfand er als uncharmant. Dabei wollte ich ihm doch bloß das Leben erleichtern. Wenn jemand diese „Frisur“ tragen kann, dann der Sohn. Aber blöd sieht es im Moment dennoch aus. 

(Wie gut, dass die Putzaktion nach dem Haarschnitt des Sohnes stattfand. „Mama, die Haare räume ich noch weg.“ Das immerhin stimmte.)
Das Gute am Karfreitag dieses Jahr: niemand beklagt sich über das Tanz- und Feierverbot.

Donnerstag, 9. April 2020

Gründonnerstag 2020

Der Charme dieses Tages erschließt sich nicht auf den ersten Blick, wenn die Pflicht so laut ruft, dass der Arbeitsplatz mehr als neun Stunden lang nicht verlassen werden kann. Wenn dann auch noch die Stärkung mit Tee ausfällt, weil der Wasserkocher pünktlich zu den Feiertagen seinen Geist aufgibt, stellt sich die Frage, ob der Karfreitag vielleicht ohne mein Wissen um einen Tag vorgezogen wurde. Die Stimmung steigt nicht unbedingt, wenn während einer Telefonkonferenz der Sohn anfängt, scheppernd und garantiert nicht geruchlos sein Essen zu braten, um sich zwischendrin lautstark zu erkundigen: „Mama, wo haben wir Sahne???“ Währenddessen laufen immer mehr Jobs auf - mit Timings die so eng sind wie die Hosen derzeit - und der Einkauf vor den Feiertagen rückt immer weiter in unerreichbare Ferne. 
Irgendwann beschließe ich, dass jetzt gut sein muss. Vielleicht auch besser, als wenn ich alle, mit denen ich telefoniere, durch den Hörer ziehe. Einmal aus dem Haus, wird alles besser. Bei den Warteschlangen vor real kann ich mir einbilden, ich warte auf Einlass in den angesagtesten Hipsterclub. Die Sonne scheint mir auf den Rücken, was die Ausgehillusion etwas zerstört. Am Ende bekomme ich sogar einen Wasserkocher mit Lightshow. Auf dem Rückweg schnappe ich auf, wie ein nicht mehr vollkommen nüchtern wirkender Vater zu seiner mit ihm einkaufenden Familie sagt: „Leude, die mit Mundschutz im Audo fohn, da fälld einen nichts mäa zu ein. Die ham doch ein anner Bärne!“ So kann ich Frieden machen mit diesem Tag.

(Wer hat‘s raus, die Osterglocken à point zu setzen? Die Magnolie aka Mongolie hat es zu meinem Geburtstag allerdings nicht mehr geschafft.)

Mittwoch, 8. April 2020

Was mit neuen Medien

Wäre ich technisch versierter und hätte mehr zu sagen, gäbe es jetzt auch von mir einen Podcast. Einen Namen hätte ich aus gegebenem Anlass zumindest: er hieße „Fett & Faltig“.
Da sich mein Interesse an Podcasts - wie übrigens auch an Hörbüchern - in Grenzen hält, bleibt es beim Gedanken und bei ein paar Sätzen zum gestrigen Tag.
Es ist erstaunlich, wie sehr du dich in das Sujet „Sibirischer Januar“ einarbeiten kannst, wenn du gut fünf Stunden festgetackert im Wohnzimmer vor dem Computer sitzt. Egal, wie viel heißen Tee du trinkst. Es ist umso erstaunlicher, dass du nur wenige Meter von dir entfernt eine vollkommen andere Klimazone entdeckst, wenn du eine Kaffeepause auf dem Balkon einlegst.
Die Tochter hielt sich gestern noch strikter als sonst an die Isolation. Der Grund lag in ihrem selbstlosen Experiment (Selbstversuch) zum Day Drinking am Vortag. Zur Apotheke schickte sie ihren Bruder.
Beim Tischtennisspiel verbessern sich unsere Fähigkeiten hauptsächlich im Bereich „Kontaktloses Spiel“. Das gehört in diesen Tagen zu den wichtigsten Skills. Als Kompetenzteam sind wir langsam doch betrübt über die Olympia-Absage. Dabei haben wir für den Athleteneinzug bereits unsere Hymne gefunden. Sie kommt - wie sollte es anders sein? - von Element of Crime und heißt natürlich „Immer da wo du bist bin ich nie“.



Montag, 6. April 2020

Unvergesslich

Der gestrige Tag war für mich wie Palmsonntag und Geburtstag in einem. So viele Liebesbekundungen, so viele Blumen und so viel Sonnenschein innerhalb so kurzer Zeit. Ja, natürlich wurde ich um die übliche Party gebracht; aber mal ernsthaft, was ist schon eine Feier gegen WhatsApp-Geburtstagsgrüße des Ex-Mannes, die nicht am 4. Mai kommen? Das wirkt fast schon ein wenig überkompensiert. Auch sonst wurde ich verwöhnt. Die Kinder haben für mich gebacken und gekocht, ich bin jetzt stolze Besitzerin eines Peanuts-Pyjamas (Team Springtime, mit ganz vielen Woodstocks darauf) - endlich gerüstet für Videokonferenzen! - und vieler anderer Geschenke. Sogar aushäusigen Besuch hatte ich - selbstverständlich unter Wahrung der zwei Meter Sicherheitsabstand. 
Selbst heute kann ich noch feiern. Mein Geschenk an mich: ein Urlaubstag, um mich vom Feiertag zu erholen. Ich feiere unseren Balkon, die Sonne, den nahtlosen Übergang von Wintermantel auf offene Schuhe und das entspannte Nichtstun. Schade nur, dass es nicht möglich war, das Jobtelefon von meinem Mobiltelefon auf die Kollegin umzustellen. Irgendwas ist ja immer.

(Das war nicht der Geburtstagsbesuch, den ich meinte, Schnupus - wie der Sohn sagt - wohnt schließlich bei uns.)

Samstag, 4. April 2020

Denkwürdiges

Was mir gestern früh beim Blick aufs Datum auffiel: Für Menschen meiner Alterskohorte  - momentan ist nicht alles schlecht: wir kommen, wenngleich ansonsten distanziert, in Kontakt mit vielen schönen Ausdrücken und Redewendungen. Obwohl ich etwas betrübt bin über den fast inflationären Gebrauch von „exponentiellem Wachstum“, aus einem Physikerhaushalt kommend gehörte das schon lange zu meinem aktiven Wortschatz, doch jetzt benutzt es jede/jeder - also Menschen wie mich, die in den Achtzigern aufgewachsen sind, war gestern sozusagen Führers Geburtstag. Denn da wäre Helmut Kohl 90 Jahre alt geworden. Irgendwie trifft es mich nicht allzu hart, dass dies im öffentlichen Interesse keine allzu große Rolle spielte. Meine letzthin meistgebrauchte Redewendung im Zusammenhang mit der Arbeit war übrigens: Ich kann gar nicht so viel putzen, wie ich kotzen muss. Da ist es zusätzlich folgerichtig, dass ich am Montag nach den orgiastischen Geburtstagsfeierlichkeiten am Sonntag einen Tag Urlaub genommen habe. Noch stolzer als auf meine  Arbeitsfloskel bin ich jedoch auf meinen Vergleich von heute, als wir beim Frühstück über Obst und Gemüse sprachen: „Die Aprikose ist die feine Leberwurst unter den Früchten.“ Meine Meinung.



Donnerstag, 2. April 2020

Goldene Zeiten

Wie tragisch, dass Harald Juhnke unser Glück nicht mehr erleben darf: „keine Termine und immer leicht einen sitzen“ beschreibt die aktuelle Lage vieler doch recht treffend. Doch will sich bei mir die wahre Freude nicht recht einstellen. Das mag daran liegen, dass eine Beschränkung aufs Häusliche im Winter leichter umzusetzen wäre als im Frühling. Denn letztere ist einfach die beste Jahreszeit. Dank Sommerzeit und Umlaufbahn lange hell, Freude über jeden Sonnenstrahl und jede bunte Blume, die uns aus diesem düsteren Schwarzweißfilm befreien, zwitschernde Vögel, Vorfreude auf laue Sommernächte, das schöne Hellgrün, Frühlingsgefühle eben. Heutzutage sagte man wohl: Ein Hurensohn, wer den Herbst besser findet.
Da dachte ich Anfang des Jahres, nach der Scheidung sei nun - anders als in den letzten zwölf Jahren - das erste Frühjahr, das mir nicht durch einen meinen Geburtstag ignorierenden, fremdgehenden, nicht-ausziehenden/ausziehenden, eklige Krankheiten unterjubelnden, intrigierenden, als-Vater-nicht-existenten Mann verhagelt wird. Merkwürdig, immer um diese Jahreszeit gab es die dicksten Brocken zu verkraften. 
Es bleibt die gute Gewissheit, dass ich nicht ganz falsch lag mit meiner Prognose. An ihm lag es dieses Jahr wirklich nicht.



Mittwoch, 1. April 2020

Sittenverfall

Wir verrohen, fürchte ich. 
Kurzzeitig wunderte sich die Tochter, warum DJ Koze, den sie in unserer Halle traf, sie nicht vorschriftsmäßig grüßte. Dann fiel ihr auf, dass sie mit offener Hose durch die Halle lief und wunderte sich nicht mehr. Immerhin zeigt es, dass sie nicht die Kontrolle über ihr Leben verloren hat und auch in diesen Zeiten nicht in Jogginghose unterwegs ist.
Ich fragte mich, ob es statthaft sei, am Vormittag die Fritteuse anzuwerfen und Pommes zu machen. Soul Food soll doch so wichtig sein. Die Tochter fand es richtig. Sie habe den Eindruck, im Netz trinken alle tagsüber Alkohol, dagegen sei fettiges Frühstück wohl nichts. Eine stringente Logik, von der ich mich gerne überzeugen ließ. Die Kartoffeln sind mir auch ziemlich gut gelungen. 
Das Tischtennisspiel zeigt auch immer weniger Regelkonformität. Die Spezialität dieser Tage: der kontaktlose Ballwechsel, der ohne lästige Berührung der Platte auskommt. Insgesamt hat unser Spiel nur bedingt an Qualität gewonnen. Wenn sich überhaupt ein Trainingseffekt bemerkbar macht, dann nur der, dass die Reaktionsfähigkeit etwas zugenommen hat. Die Bälle werden jetzt häufiger retourniert, wenn auch nicht in die richtige Richtung. Ein Augenschmaus ist es garantiert nicht, uns beim Spiel zuzusehen. Das erklärt die kurze Verweildauer etwaiger Beobachter. Die Hymne unseres Spiels kommt - wie sollte es anders sein? - von Element of Crime: „Immer da wo du bist, bin ich nie“.
Doch mein wahres Highlight kommt wieder einmal vom Sohn:

„Mama, das sind Mohnblumen, oder?“