Freitag, 13. Februar 2026

Girl Scout

Ein wenig besorgt war ich schon. Vor bald acht Jahren - nur Minuten nachdem die deutsche Fußballmannschaft damals unsäglich gegen Südkorea verloren hatte - sahen wir ein Konzert eines meiner Lieblingskünstler. Ich lasse mich dazu hinreißen zu sagen, es war das beste, das ich je miterlebt habe. Nun also wieder ein WM-Jahr und wieder ein Auftritt David Byrnes im Tempodrom. Mit dem Unterschied, dass mir sein aktuelles Album nicht so gut gefällt wie das, das er beim letzten Mal herausbrachte. Reziprok zur deutschen Nationalmannschaft kann die Fallhöhe also durchaus beunruhigen. 

Die Angst war unbegründet. Wenngleich nicht so spektakulär wie 2018 war der gestrige Abend großartig. Die vermeintlich schwächeren neuen Songs gewannen in der Live-Interpretation immens. Auch das wenig liebenswerte Publikum in unserer Nähe konnte den Gesamteindruck des sensationellen Abends nicht trüben; obwohl es sich wirklich Mühe gab. Zu Beginn des Konzerts ermunterte uns der Künstler, von unseren Sitzplätzen aufzustehen und zu tanzen, wenn uns danach sei und solange wir dabei niemanden verletzen. Wenn der Meister spricht, folgen wir ihm selbstverständlich. In einer späteren Musikpause meinte er, einen Regisseur zitierend, dessen Name ich vergessen habe, heutzutage seien „love and kindness a kind of resistance“. Nicht allzu lange danach mopperte mich meine Hinterfrau an (Typ: Großbebrillte Migränetante), wir sollen uns gefälligst hinsetzen, „love and kindness und so“. Die selten dämliche Ansprache rief in mir sofort kindliche Reaktanzen hervor, nun unbedingt und erst recht stehen zu bleiben. Doch ich wurde von meiner Begleitung ans Erwachsensein erinnert. Also setzten wir uns eine Zeit lang, bis uns die Begeisterung wieder zum Aufstehen und Tanzen zwang. Fun Fact am Rande: Als er die guten alten Talking Heads-Banger spielte, sprangen die Kolleginnen und Kollegen hinter uns auf, übrigens auch nicht in der letzten Reihe sitzend. Irgendwann war das Konzert leider zu Ende, wir packten unsere Sachen und wollten zum Ausgang gehen. Da entdeckte ich auf meinem Mantel liegend eine Brille, die mir bekannt vorkam. Ein Opfer stehend tanzender Ekstase. Ich schiebe es auf meine Reife, a) die Brille nicht zertrampelt zu haben (stehend selbstverständlich), b) sie freundlich zurückgegeben zu haben und mir c) den Spruch „Love and Kindness“ geklemmt zu haben. Stattdessen dachte ich mir, dass sie devot also auch kann (schleimig-freundlicher Dank) und ich selbst mindestens als Pfadfinderin der Herzen durchgehen kann.

Sonntag, 8. Februar 2026

Warum in die Ferne schweifen?

Gestern konnte ich feststellen, es muss nicht unbedingt Südeuropa sein, um im Winter schon den Frühling zu erleben. Deutlich weniger Kilometer Abstand zum grau-weißen Norden tun es auch. Auf der Zugfahrt ins Bergische konnte ich sehen, wie direkt an der Landesgrenze zu Nordrhein-Westfalen plötzlich die Schneefelder grünen Hügeln wichen und wie sich der Himmel von einheitlichem Grau in ein leicht bewölktes Blau verwandelte. Bei der Ankunft durfte ich mich zusätzlich darüber wundern, dass Wintermäntel - nicht zu reden von Schals, Mützen oder Handschuhen - vollständig überflüssig sind. Kein Wunder, wenn draußen zweistellige Temperaturen über null (Ach, die gibt’s auch noch?) herrschen. Die Vögel zwitscherten mit Macht. Schneeglöckchen und Krokusse - oder Krokanten wie wir Profis sagen - schossen beim Zusehen bunt aus den Wiesen. Um 18 Uhr ist es noch nicht richtig dunkel. Fürs Urlaubsgefühl fehlte im Grunde nur das Meer, ansonsten mutet es wie Spanien an. Wenn die Menschen hier nicht so komisch sprächen.

Donnerstag, 5. Februar 2026

Es reicht

Seit anderthalb Wochen wieder zurück im Norden muss ich meinen Aufenthalt im Süden neu bewerten. Was ich für schlechtes Wetter hielt, war es nicht. Für dortige Verhältnisse kalt, doch es waren immer mindestens fünfzehn, wenn nicht gar zwanzig Grad mehr als hier. Es war stürmisch und mit dem Wind peitschte einem manchmal Regen, aber niemals Schnee ins Gesicht. Die Sonne zeigte sich außergewöhnlich selten, doch häufiger als hier. Ich undankbares Stück hatte einmalige Bedingungen und nörgelte trotzdem. Um nicht als Wiederholungstäterin zu gelten, werde ich mich nun nicht darüber auslassen, wie wintermüde ich bin, wie die Kälte im Gesicht schmerzt, wenn man wegen des Streiks den gesamten Weg zur Arbeit zu Fuß durchs eisige Klima geht, wie kalt es montags bis zum Feierabend am Arbeitsplatz ist oder wie sehr man aufpassen muss, weil der ewig wiederkehrende Neuschnee die rutschigen Eisflächen auf den Gehwegen verdeckt. Nein. Stattdessen werde ich nur erwähnen, wie gemütlich es drinnen ist, wenn man mit den Kindern abends Folge für Folge „Ted Lasso“ guckt und sich dabei zusätzlichen Winterspeck anfuttert.

Dienstag, 20. Januar 2026

Wettkampf

Wirklich dankbar bin ich der Comunidad Valenciana für ihr Bemühen, mir möglichst wenig Eingewöhnungsschwierigkeiten zu bereiten, indem sie versucht, das hiesige Klima auf das norddeutsche Winter-Niveau herabzusenken. Sturmflut, Regen, dunkle Wolken, tonnenweise Strandgut, einstellige Temperaturen, hier wird an nichts gespart. 

Trotz aller Umstände, die man sich meinetwegen gemacht hat: Ich bin erstens unterdessen ausreichend akklimatisiert. Zweitens braucht Ihr Euch nicht weiter zu bemühen. Egal, wie düster Ihr den Himmel einfärbt, es reicht niemals an die bleierne Dunkelheit eines norddeutschen Winters heran, in dem der Unterschied zwischen den wenigen, vermeintlichen Tagstunden und der langen Nacht nur marginal ist. Einfach, weil dort die Sonne kurz über der Bordsteinkante steht. Auch die Temperaturen sind noch etwa zehn Grad zu hoch. Und den schneidenden Ostwind bekommt Ihr hier ohnehin nicht hin. Also lasst es einfach und macht das, wofür Ihr bekannt seid: anständige Sonne. Am besten bald, denn ich bin nur noch bis Sonntag (!) hier.

Sonntag, 18. Januar 2026

Vor- oder Nachsaison?

Nachdem es seit Mitte Dezember ununterbrochen turbulent und auch die vermeintlich Stille Nacht (wie auch die Tage um sie herum) nicht allzu ruhig war, fand ich, mir ein paar Tage der Einsamkeit und des Nichtstuns verdient zu haben. 

Doch die göttliche Fügung, das Schweinesystem oder was auch immer schien es ein wenig anders zu sehen. Zunächst hielt mich Arbeit von der Ruhe ab. Ich wurde bis Donnerstagabend bei Weitem nicht fertig und musste diverse Aufgaben mitnehmen. Gestern um Mitternacht war ich endlich soweit, das Werk einigermaßen vollbracht. Ich feierte es mit einem Glas Rosé. Glühwein wäre eigentlich angezeigter gewesen, denn seit ich hier im vermeintlichen Süden bin, gibt sich das Wetter Mühe, sich auf das norddeutsche Niveau herabzubegeben. Es sieht so aus, als hätte ich die Sonnencreme umsonst mitgenommen. Ich weiß, auch hier ist Januar, vielmehr Enero, doch mit Höchsttemperaturen von 12°-13° - immerhin über Null - habe ich nicht gerechnet. Ebenso nicht mit einem beständigen Tief, das mich wohl die gesamte Woche begleiten wird. 

Zweckoptimistisch betrachtet wird mir zumindest der Wunsch nach Ruhe und Einsamkeit gewährt. Schon oft bin ich im Dezember oder Januar hier gewesen. Noch nie habe ich es so schaumgebremst erlebt. Selbst am Wochenende scheint alles geschlossen. Ein Großteil der Menschen, denen ich begegne, spricht nicht spanisch sondern slawisch oder französisch. Das erklärt vielleicht, warum es so still ist. Ich überlege, ob ich eine fotografische Sammlung von „Cerrado por fin de temporada“-Schildern erstellen soll. Es gibt ausreichend Auswahl. Als kleinkarierte Deutsche frage ich mich allerdings, ob das Saisonende nach Neujahr als Argument zulässig ist oder ob es nicht heißen müsste, dass der Betrieb noch nicht losgegangen sei. Wie gut, dass ich Muße habe, diese Frage weiter für mich zu erörtern.

Mittwoch, 31. Dezember 2025

2025

Das Ende ist noch nicht ganz erreicht, doch es scheint mir Zeit für einen Jahresrückblick. Wenn ich schon täglich zu nichts gekommen bin, kann ich wenigstens etwas Resümierendes schreiben.


Januar

Der Monat steht seit 26 Jahren traditionell für den Geburtstag der Tochter. Mit dem Deko-Schnickes für die Geburtstage der Kinder setze ich mich grundsätzlich ziemlich unter Kreativdruck. Dieses Jahr machte ich es mir leicht und griff den Namen eines Projekts auf, mit dem die Tochter beruflich zu tun hat: „Älterwerden unterm Regenbogen“. Kaum klaut man mal eine Idee, schon attestiert mir der Sohn, „diesmal habe ich mich selbst übertroffen“. Vielleicht bin ich jung genug, daraus zu lernen.


Februar

Nominell der kürzeste Monat im Jahr zieht sich der Februar wie Kaugummi. Nur gut, dass ich mit einer vorgezogenen Bundestagswahl an seinem letzten Wochenende als Wahlbezirksleitung ausreichend zu tun hatte - und das nicht nur am Tag selbst, sondern schon an einigen davor.


März

Um nicht aus der Übung zu kommen, folgte am ersten Märzsonntag die Wahl zur Hamburger Bürgerschaft. Offensichtlich hatte ich meinen Job am Wochenende zuvor nicht allzu schlecht gemacht. Denn ein Gutteil meiner rekrutierten Mitstreiterinnen war auch das zweite Mal dabei. Zum Glück wusste ich auch ohne Wahlen etwas mit mir anzufangen und nutzte die Freizeit, um von Mitte bis Ende März der norddeutschen Spätwintertristesse zu entfliehen. Spanische Sonne sticht feuchtkaltes Klima.


April

Pünktlich zu meinem Geburtstag und zu Ostern war ich wieder in der Hansestadt. Zum Umgewöhnen brauchte es nicht viel, denn in der Rückschau hat der Hamburger Sommer in diesem Jahr vor allem im April stattgefunden.


Mai

Dieser Monat stand ganz im Zeichen der Badezimmerumbauten. Dankenswerterweise hat sich meine Mutter der Bauleitung angenommen. Herausgekommen ist ein wunderschönes, nicht wiederzuerkennendes Bad, von dem es hieß, dass es für meine Verhältnisse „überraschend nüchtern“ aussehe.


Juni

Kaum waren die Feierlichkeiten zur Fertigstellung des Badezimmer-Upgrades beendet, spielte ich Herbergsmutter für französische Lehrerinnen, die auch noch lange nach dem Abitur der Tochter die zentrale Unterkunft zu schätzen wissen. Gleichermaßen schade für sie wie für uns alle, dass die Zeit hier ins (kalte!) Wasser fiel. Umso dankbarer war ich für Indoor-Veranstaltungen in der Alsterschwimmhalle (Ah, die schöne, heiße Dusche hinterher!) und im Centralkomitee (Harry Rowohlt-Abend).


Juli

Weitere kulturelle Veranstaltungen führten uns in diesem Monat nach Luxemburg: Einigermaßen ungewöhnlich, einer deutlich norddeutsch gefärbten Band wie Element of Crime in der Mitte des Großherzogtums zu lauschen. „Vier Stunden vor Elbe 1“ so fern des besungenen Gewässers zu hören, ist zwar kurios, aber dennoch schön. Zurück in Hamburg dann die Hochzeit von Freunden, die ich allerdings außerhalb des Trauraums vor dem Fenster auf der Veranda verbrachte, weil ich erstens spät dran und zweitens vom Pförtner in die Irre geschickt wurde. Zum Glück musste ich auf nichts verzichten, die Fenster der Grindelhochhäuser isolieren definitiv schlecht genug, um von draußen alles drinnen Gesagte hören zu können.


August

Anfang des Monats bekam ich zumindest die Bestätigung, dass auch anderswo der Sommer verregnet ausfiel. Zum Geburtstag meines Cousins in Aachen hätte ich den Südwester gut gebrauchen können, auch ohne Waterkant.


September

Schon fast traditionell liegt nach einem Messebesuch in Köln im Spätsommer mein Jahresurlaub. Ein Vorteil, diese Zeit in Spanien zu verbringen, besteht darin, sich dort keine Kommentare zu offenen Schuhen anhören zu müssen. Diese nehmen im Laufe des Septembers hierzulande deutlich zu. Ich bekomme manchmal das Gefühl, im Spätsommer in Sandalen zur schrulligen Dorfirren zu mutieren. 


Oktober

Den Urlaub noch maximal bis zum Geburtstag des Sohnes heraus gezögert, kann man die Saison der offenen Schuhe etwas ausweiten. Anschließend folgte besagtes Jubiläum des Sohnes, dieses Jahr gar das silberne. Als ob das nicht genug der Feierei wäre, fand am letzten Wochenende des Monats die Hochzeit des Bruders in Berlin statt. Zum echten Wochenendgefühl hängte ich noch zwei Tage Leipzig an. Trotz mies herbstlichen Wetters eine wunderschöne Zeit. Übrigens keine Sorge! Spätestens mit der Zeitumstellung weiß auch ich, dass der Sommer vorbei ist.


November

Leider ein Drecksmonat, den man irgendwie überstehen muss. Eine Hilfe war dabei, am 15. zu feiern, dass man bereits die Hälfte geschafft hat. Dieses Erfolgsrezept wird bestimmt auch nächstes Jahr umgesetzt.


Dezember

Vielleicht der anstrengendste Monat des Jahres. Bei der Arbeit phasenweise unerträglich erbärmlich. In der Festtags-Vorbereitung und -Ausführung freundlich formuliert nicht erholsam. Doch immerhin nichts von alledem am letzten Tag des Jahres!

Freitag, 19. Dezember 2025

Wie soll ich Dich empfangen?

Wie zu bemerken ist, dass Weihnachten naht? Dass vieles kaputt geht. Dieses Jahr kann ich nicht allzu laut darüber klagen, denn es ist (noch) nicht die Waschmaschine oder der Kühlschrank, die von uns gegangen sind. Vielmehr habe ich bisher nur Glühbirnen und meinen Rucksack zu beklagen. Bei letzterem ist es als symptomatisch zu deuten, ist - oder war - er doch ein Geschenk der Firma, die es in dieser Form nun nicht mehr gibt. Dass der Verfall auf täglichen Laptop-Transport von zu Hause zur Arbeit und wieder zurück zurückzuführen ist, gilt als unwahrscheinlich. In meiner Weitsicht war ein Rucksack mein einzig geäußerter Weihnachtswunsch, von dem ich zuversichtlich hoffen kann, dass er erfüllt wird. Solange die Waschmaschine durchhält, muss ich mich nicht in die allgemeine Früher-War-Alles-Besser-Larmoyanz einreihen. Und das ist auch gut so.