Freitag, 5. Juni 2026

Norddeutscher Sommer

Während es unterdessen am Wetter liegt, war in der Zeit davor meine Faulheit der Grund, weshalb ich nicht mit dem Rad zur Arbeit fuhr. Einerseits hätte das Fahrrad aufgepumpt werden müssen, andererseits müsste man einmal die Bremse checken und vermutlich reparieren. Als Alleinverantwortliche fürs Fahrzeug kann ich in diesem Fall nur auf Heinzelmännchen hoffen, doch aus dem Alter bin ich wohl länger heraus. Auch mein Versuch, das Rad zeitweilig an den Sohn zu verleihen, scheiterte an der gleichen Schwäche. Nur  diesmal an seiner. Inzwischen fällt sie weder bei ihm noch bei mir merklich auf. Regen und Temperaturen suggerieren mehr oder weniger konstant, sich anderer Transportmittel zu bedienen. U-Bahnfahren ist auch nicht schlecht. Zumal der Ausstieg an der Station „Rathaus“ unterhaltsam sein kann, wenn er aus dem ersten Waggon geschieht. Ich habe es noch nicht ganz verstanden, aber es scheint, als wechselten dort die Fahrer oder statteten sich zumindest Besuche ab. Einmal kam - was wegen des namensgebenden Gebäudes häufig passiert - eine Rotte Viert- oder Fünftklässler auf ihrer Stadtrallye angelaufen (vermutlich um zur Elbphilharmonie weiterzufahren) und winkten dem Fahrer freundlich zu. Der ebenfalls ankommende Kollege klopfte hart gegen die Seitenscheibe der Fahrerkabine und herrschte diesen an: „Nächstes Mal winkst du zurück, Freundchen!“ Ein anderes Mal kam wieder die Ablösung oder Ergänzung und der Fahrer meinte zum Kollegen: „Setz‘ dich einfach hinten rein und genieß‘ die Fahrt!“ Oft werde ich enttäuscht, wenn sich beide nur stumm mit Händedruck begrüßen. Wahrscheinlich machen sie es bloß, um die landläufigen Vorurteile der vielen Touristen über Norddeutsche zu bestätigen.

Dienstag, 26. Mai 2026

Liturgie zu Pfingsten

Wir wurden in der international anerkannten Währung für Gartenarbeit bezahlt, Königsberger Klopsen. Umso besser, dass sich auf die Weise neben dem Einsatz im Grünen ein Element of Crime-Konzert ergab. An der Reihenfolge „Erst Konzert-Dann Gartenpflege“ kann man arbeiten. Denn während wir Äste toter Bäume ab- und zersägten, Gestrüpp rodeten und Biotonnen füllten, summte ich die ganze Zeit „Ich gäbe meinen rechten Arm dafür…“. Zum Glück waren jedoch die schlimmsten Vorkommnisse Blasen an den Händen, kleinere Schnitte und etwas unsanft auf dem Rücken zu landen (nachdem ich - erfolglos, versteht sich - versucht hatte, eine gut fünf Meter lange Schlingpflanze auszureißen, deren Ursprung sich auf dem Nachbargrundstück befand). Dabei wäre ich sogar für Ärgeres gewappnet gewesen. Vom letzten Einsatz mit einer deutlich schärferen Säge rührt mein amtierender Tetanusschutz her. Ich bin dennoch dankbar, ihn nicht genutzt zu haben. Irgendwann, nach etwa fünf weiteren Wäschen, werden auch die letzten Wacholderstücke aus meinem Haar entfernt sein. Mindestens so lange muss die Erinnerung an ein schönes Pfingstwochenende schließlich halten, wenn dies der letzte Feiertag bis Weihnachten für uns war.

Freitag, 22. Mai 2026

Wirtschaftsfaktor

Verglichen mit dem letzten Jahr, als ich das Badezimmer renovieren ließ, sind es lächerliche Zahlen, doch auch dieses Jahr investiere ich in die Wirtschaft. Am Montagabend ging ich auf dem Nachhauseweg nicht nur wegen des vielen Regens in viele Läden. Zunächst kaufte ich in der Kinderabteilung von H&M Home Bettwäsche, die nicht nur mir, sondern später auch meinem Kind ausnehmend gut gefiel. Dennoch wundere ich mich, dass mich dort fast ausschließlich Produkte für die Kleinen ansprechen. Sollte es mit meinem kindlichen Gemüt zusammenhängen? Am gleichen Abend erwarb ich vier Küchenstühle, die bereits Mittwochmittag geliefert wurden - und zwar problemlos. Muss doch auch mal gesagt werden, dass Dinge chez nous noch reibungslos funktionieren. Außerdem, und nun offenbare ich die größte Investition, habe ich mich wieder dazu entschieden, mir ein Panini-Album zur Fußball-WM zu leisten. Ja, ich weiß, dass die FIFA ein Drecksverein ist, dass ich damit garantiert die Falschen subventioniere und dass der Spaß übertrieben teuer ist. Aber es ist eben genau das: Spaß. Darüberhinaus erfreue ich mich an der verkehrten Welt. Dass meine Kinder mich in diesem Punkt unvernünftig finden, aber auch sie mehr oder weniger offensichtlich am Ende Freude daran haben, wen „wir“ schon haben, wer fehlt, welche Mannschaft besonders ist und so weiter. Mir beschert es Glücksmomente, wenn ich neben anderen in einem Tütchen Jackson Irvine und Mo Salah finde. Und es stört mich nicht weiter, dass ich noch nicht viele Bilder einkleben konnte, aber dafür Cristiano Ronaldo bereits dreifach habe. Entspannt bin ich allein deswegen, weil ein Gutteil dieser Ausgaben aus den unerwarteten Rückzahlungen der Lufthansa für meine Unannehmlichkeiten wegen des Streiks bestritten wird. Im Reinvestieren macht mir keiner etwas vor!

Montag, 18. Mai 2026

Maifeiern

Mit dem manuellen Abtauen der mütterlichen Gefriertruhe dachte ich, Frost und Kälte für den Mai endlich abgehakt zu haben. Wie man sich täuschen kann! Es ging in Hamburg kalt weiter. Langsam habe ich Sorge, mein übliches Motto „Offene Schuhe von Anfang Mai bis Ende September“ entweder nur durchziehen zu können, wenn ich Erkältung oder Frostbeulen in Kauf nehme. Oder die geschlossenen Schuhe wohl oder übel noch etwas länger zu tragen. Doch wer weiß, ob das dann nicht noch im Juni notwendig wird, der hier im Norden traditionell kühl ausfällt. Ich weiß es doch auch nicht! Allerdings kann ich auch von Vorteilen berichten, die sich durch die Rückkehr ins beschauliche Dorf ergeben haben: Die Tochter hat mir nachträglich zum Muttertag nicht nur Blumen, sondern auch ein wunderschönes Arrangement und reichlich leckeren, selbst gebackenen Kuchen geschenkt. Bei Tee, Kuchen und Rührung ist es plötzlich nicht mehr kalt.

Mittwoch, 6. Mai 2026

Doble

In meiner Gier wollte ich alles doppelt haben: Erst das tolle Frühlingswetter in Hamburg genießen und dann in Spanien in die Verlängerung gehen. Die Rechnung ist nicht ganz aufgegangen, der Start war noch wie geplant, aber der Süden machte mir in Sachen Wetter einen Strich durch die Rechnung. Man wollte wahrscheinlich nur, dass ich mich mit Wolken und Regen zu Hause fühle. Egal, das Meer ist auch im dunkleren Setting schön. Die Idee war, tagsüber zu arbeiten und abends von der Sonne zu profitieren. Auch diese Rechnung geht nur bedingt auf. Der Feierabend mit Meer ist trotzdem sehr erholsam. Doppelt wird auch die spätere Abendgestaltung. Nachdem ich es gestern Mittag geschafft hatte, für den Abend einen Tisch in der Fußballkneipe zu reservieren, wurde er uns nach Ende des Spiels für heute Abend gleich angeboten. Wir hoffen nun, dass die Begegnung heute etwas vorteilhafter für unsere Sache ausgeht. Unsere Erfahrung wappnet uns. Wir wissen jetzt, dass man einfach ständig “¡penalty!” schreien muss. 

Doch die schönste Dopplung kommt erst noch: Durch meinen Aufenthalt hier habe ich mir den Muttertag zweimal erschlichen. In Spanien war er letzten Sonntag und in Deutschland am kommenden, an dem ich wieder zurück sein werde. Das macht mir keiner nach.

Samstag, 2. Mai 2026

Mit Südfrüchten gehandelt?

Am Morgen dachte ich noch, die falsche Wahl getroffen zu haben. Bombenwetter in Hamburg, doch dann kälter und sogar regnerisch im Süden. Das habe ich bisher nicht erlebt. Aber her ist das Meer, mit seinem Rauschen, den Wellen und der salzigen Luft. Am Ende sogar mit blauem Himmel. Wahrscheinlich doch alles richtig gemacht.

Sonntag, 26. April 2026

Und doch

Ob ein Tag, auch wenn es ein Sonnabend (Samstag für die Südlicheren oder Westlicheren) ist, gut werden kann, wenn man ihn damit beginnt, morgens Einschlaftee in die Kanne zu geben? 

Ich hatte meine Zweifel. Zumal er sich mittags nicht merklich besserte. Ich kam vom Einkaufen zurück, öffnete eine der Wohnungstüren und scheuchte damit eine fette schwarze Spinne auf, die es sich in den großen Hohlräumen der Altbautürrahmens (Denkmalschutz als Feind der Wärmedämmung) gemütlich eingerichtet hatte und eine Bereicherung für jedes Terrarium gewesen wäre. Miese Karmapunktbilanz, weil ich sie in meinem Schreck plattgetreten habe. Normalerweise expediere ich brav jede Spinne im Küchentuch aus der Wohnung - ehrlich! Aber bei diesem Exemplar war es mir nicht möglich. 

Am Nachmittag konnte ich immerhin als Erfolg feiern, zwei Sportkurse hintereinander geschafft zu haben und mich dabei nicht zu verletzen. Über Fußball wiederum möchte ich nicht sprechen.

Zum Glück fanden sich Menschen, die trotz der Tagesbilanz abends mit mir essen gehen wollten, so dass der Abschluss mehr als nur versöhnlich war. Ja, auch so ein Tag kann am Ende noch die Kurve kriegen.