Montag, 7. September 2026

Mir doch egal

Jede Outdoor-Tätigkeit musste am Sonnabend zwischen zwei Regengüssen erledigt werden. Zum Sport, vom Sport, zum Einkauf, vom Einkauf und so weiter. Wie gut, dass es am Wochenende weniger feststehende Zeiten gibt als in der Woche. Daher war ich in doppelter Hinsicht froh, am Samstagnachmittag in einem Geschäft zu landen, in dem ich Einlagen gegen Fußschmerzen bestellen konnte. So zumindest das erste Gefühl. Das zweite war, in einem Laden gelandet zu sein, in dem die gesamte Kundschaft aufgegeben hat. Beige ist auch eine Form der Kapitulation. Trotz fortgeschrittenen Alters bin ich noch nicht so weit, Schuhwerk nur unter praktischen Gesichtspunkten zu betrachten und auszuwählen. Vielleicht werde ich es auch nie sein. Die Verwunderung des freundlichen Einlagenbauers über meine fehlenden Socken und offenen Schuhe nahm ich wohl wahr, lebe aber gerne mit der Vorstellung, als spleenige Figur zu gelten. Mal ganz ernsthaft: Wären triefende Strümpfe und nasse Halbschuhe an diesem Tag wirklich besser gewesen?

Genauso wenig bin ich bereit zu akzeptieren, dass der Sommer vorbei sein soll. Gestern Morgen guckte ich kurz auf den Balkon, die Regengüsse des Vortages waren ja glücklicherweise Vergangenheit. Dort fand ich einen mit Blättern übersäten, nassen Boden vor (der irgendwann auch wieder neu abgeschmirgelt und geölt werden muss), und herbstliche Farben im Sonnenschein. Ich schloss die Balkontür und setzte mich in die Küche, um Tee zu trinken und Zeitung zu lesen. Lieber drinnen mit der Illusion, es wäre noch sommerlich, als draußen mit der Gewissheit, dass die Tristesse im Vormarsch ist.

Freitag, 28. August 2026

Try to remember

An diesem feucht-freudlosen Tag sei mir ein bisschen Selbstmitleid gestattet. Die drei Tage Sommerurlaub waren zu kurz und sind unterdessen schon wieder fast vier Wochen her.

Beim gestrigen Tag handelt es sich ohnehin nicht um einen, den ich übertrieben feiere. Vor 28 Jahren sah das deutlich anders aus. Nicht nur, dass ich guter Hoffnung war, es gab auch noch mehr Träume und Hoffnungen. In der Gesamtbilanz sind zwei großartige Kinder dabei herausgekommen, daher gibt es nichts zu meckern. Und doch fand ich es nicht fair, gestern zusätzlich mit Kopfschmerzen zu kränkeln. Ich holte nur kurz den Computer in der Agentur ab und arbeitete anschließend lieber von zu Hause aus. Unter anderem, um dem Baustellenlärm in der Hamburger Innenstadt zu entgehen. Es passte zum Tag, dass direkt vor meiner Wohnung das Pflaster herausgerissen und neu verlegt wurde; natürlich mit Rüttler, Ehrensache. Um das Ganze abzurunden, klingelte am Nachmittag noch der Ex-Mann an der Tür. Nicht etwa um mir zum Hochzeitstag Blumen zu überreichen, sondern um seine Wartezeit (auf die Tochter) bei mir zu verbringen, Tee zu trinken und mir in der halben Stunde zu erzählen, wo seine amtierende Freundin wohne. Immerhin bestätigte mich der unverhoffte Besuch wieder einmal darin, dass alles gut so ist, wie es ist.

Zu den Freuden meines Alters gehört außerdem, dass endlich ein lange von mir ersehntes Produkt auf den Markt gekommen ist: das hülsenlose Küchenpapier. Ein echter Hoffnungsschimmer. Nicht nur für mich, sondern auch für die deutsche Wirtschaft.

Dienstag, 28. Juli 2026

Steuererklärung ohne Ende

Zu früh gefreut. Zwar hatte ich am Sonntag vorbildlich meine Steuererklärungen erledigt, musste aber noch die Kopien der Originale („für Ihre Unterlagen“) erstellen. Das hatte ich mir für gestern Abend vorgenommen. Nach technisch erzwungener Untätigkeit bei der Arbeit hatte ich mich schon fast aufs abendliche Kopieren gefreut - wenigstens irgendetwas Produktives am Tag. Gleich zu Beginn meldete der Drucker „Wenig Toner“. Darüber sah ich großzügig hinweg. Noch in der Mitte des ersten Jahres - und es waren insgesamt drei Jahre Steuererklärung - hieß es dann „Sehr wenig Toner“. Auch das ignorierte ich, schließlich bin ich Mutter. Hinzu kam ein oranges Blinken und seine Weigerung weiterzuarbeiten. Frustriert widmete ich mich dem Essen. Um anschließend mit Bauchschmerzen von übertriebener kalorischer Kompensation ins Bett zu gehen. Erfolgreiche Tage sehen anders aus. Entspannte Nächte auch.

Montag, 27. Juli 2026

Living on the Edge

Jedes Wochenende nehme ich mir wieder viel zu viel vor. Um dann Sonntagabend mit schlechtem Gewissen zu spät ins Bett zu gehen. Immerhin kann ich als Einschlafhilfe alles aufzählen, was ich nicht geschafft habe. Am gestrigen Sonntag, der ohnehin in jedweder Hinsicht trübtassig war, konnte ich zumindest mit einer Erfüllungsquote von etwa zwei Dritteln abschließen. Denn - Trommelwirbel - ich habe die Steuererklärung hinter mich gebracht. Und nicht nur die des letzten Jahres, sondern auch die des vorletzten und des vorvorletzten. Aus purer Boshaftigkeit - dem Finanzamt, den Anbietern und vor allem mir selbst gegenüber - pflege ich, wenn ich sie denn in Angriff nehme, sie vollkommen antiquiert mit Stift und Papier zu erledigen. Dabei musste ich gestern das Ableben eines Kugelschreibers beklagen, der vor lauter Steuer- und Identifikationsnummern, Namen und Geburtsdaten einen Schlussstrich ziehen wollte. Ich stelle mir vor, wie sehr sich Finanzbeamte freuen, wenn die Erklärungen von schwarzer Schrift ins Blaue wechseln. Wie jedes Jahr (oder zumindest jedes dritte) nehme ich mir vor, sie im kommenden, genau genommen diesem Jahr, hinter mich zu bringen, solange ich meine Steuernummer noch auswendig weiß und das Wetter für solche Aktivitäten taugt. Jedesmal wird mein Vorhaben allein dadurch torpediert, die Abrechnung der haushaltsnahen Leistungen erst frühestens im Mai des Folgejahres zu erhalten. Bis dahin müssen meine Wochenend-Projekte Fensterputzen, Ausmisten oder Versicherungsschutz heißen. Schon ziemlich dicht am Jetset-Leben.

Donnerstag, 16. Juli 2026

Service-Post

Heute gibt es ein paar Tipps von mir. Zunächst aus dem Bereich meiner obersten Kompetenz, dem Haushalt. Wenn die Waschmaschine nicht mehr so gut schleudert, dann und wann Kleidungsstücke frisst, hält man zu ihr. Schließlich ist der Lavamat laut Robert Gernhardt nicht nur ein Haushaltsgerät sondern „ein Waschfreund“. Wenn die Maschine jedoch loswäscht, ohne dafür einen Auftrag zu haben, also ausgestellt ist, kommt die Zeit, die Freundschaft zu überdenken. Es ist dann spätestens Zeit für eine neue. Und diesmal was Anständiges, was fürs Leben. Im Grunde muss man dem scheidenden Freund allerdings noch dankbar sein, den ungeplanten Waschgang zumindest bei geschlossener Trommeltür gestartet zu haben.

Der nächste Ratschlag einer leidgeprüften Frau mittleren Alters: Fußballtipps nie nach dem Herzen abgeben. Bei einer Wette gegen die eigene Sympathie gewinnt man am Ende wenigstens noch Punkte. Am besten äußert man seine Präferenzen gar nicht erst. Dann sollte nichts schief gehen. Nach mehrfacher Enttäuschung versuche ich mich nun in paradoxer Intervention: Im Endspiel bin ich voll für Argentinien, diese lustigen kleinen Männer in babyblau-gestreift, die niemals durch Fouls oder martialische Gesten auffallen.

Freitag, 3. Juli 2026

Gruppenreise

Schön ist es, wenn man beruflich eine Art Klassenfahrt unternehmen darf. Ohne dabei die Lehrerin sein zu müssen. Leider hatte ich entschieden, vor der gemeinsamen Hinfahrt der Klasse den Weg in den Südwesten anzutreten. Keine richtig gute Idee. Auf die Bahn einzudreschen, ist mir zu sehr Mainstream. Aber sagen wir so, knapp 400 Kilometer in sechs Stunden zurückzulegen, kann keine Werbung für den öffentlichen Personenverkehr sein. Noch weniger überzeugte die Idee, die Nacht im Haus der Mutter zu verbringen, während diese in Hamburg weilt. Eine überraschend einsamer Abend, von der Nacht gar nicht zu sprechen. Am nächsten Morgen überzeugte die Fahrt zum Event-Ort ebenfalls nicht. Anderthalb Stunden für fünfzehn Kilometer vermitteln fast das Gefühl, zu Fuß schneller am Ziel gewesen zu sein. Vor Ort entschädigte immerhin einiges für die etwas beschwerliche Anreise. Vor allem, wenn zwei Geschäftsführer nicht scheuen, sich vor 2.000 Menschen als Modern Talking-Plagiat auf die Bühne zu stellen und ihre eigene Interpretation von Brother Louie zu intonieren. Einziger, klitzekleiner Kritikpunkt: „Thomas Anders“ fehlte das Nora-Kettchen. Ein weiteres Highlight nach den vorangegangenen Erfahrungen, abends vom netten Kollegen mit dem Auto bis vor die Haustür gefahren zu werden.

Wenn ich schon dachte, mit der sechs Stunden währenden Hinreise schlecht bedient gewesen zu sein, weiß ich nun, vom Höchstsatz war ich noch um Längen entfernt. Um es noch ärger zu zu erwischen, muss zunächst einmal der eigentliche Zug ausfallen. Dass der Ersatzzug, der lediglich zwanzig Minuten später als geplant abfuhr, nur halb so lang war, versteht sich von selbst. Die Reservierungen waren natürlich perdu. Als Nächstes - was uns bis zum Einstieg nicht bewusst war, dass Hamburg an diesem Wochenende Austragungsort schlimmster Veranstaltungen sein würde, vom Schlagermove und von zwei Helene Fischer-Konzerten. Kein Sitzplatz und massenhaft umringt von fragwürdige Musik johlenden, je nach Geschlecht sekt- oder biertrinkenden Mitreisenden, genau meine Vorstellung vom Glück. Vor allem, wenn sich die Weiterfahrt in Bremen laut der Zugchefin verzögert, weil die Polizei darüber informiert wurde, es befinden sich „alkolisierte… äh… alkoholisierte Personen an Bord unseres Zuges“. Eigentlich nicht vorstellbar. Aber wie ich gestern auch gelernt habe: „Die Wahrheit ist, dass die anderen lügen.“ Die Arbeit, die ich für die Zugfahrt vorgesehen hatte, lässt sich problemlos in Hamburg erledigen. „Der Beginn des Wochenendes verzögert sich um viereinhalb Stunden. Grund hierfür ist verspätet eingetroffenes Personal.“

Samstag, 20. Juni 2026

Forza St. Pauli

Wieder einmal meinten es die Götter des Schlafs, wenn es sie gibt, gut mit uns. Umso wichtiger, als das Spiel der türkischen Mannschaft noch eine Stunde früher angepfiffen wurde, dass sie kein Tor erzielten und selbst in Überzahl verloren. Ich wachte auf, freute mich über die Ruhe und stellte fest, die letzten Minuten laufen noch. In denen bangte ich mit der Mannschaft aus Paraguay. Die Ruhe währte nicht lange. Dann gab Dackel Aloys wieder alles. Während seiner lauten Dreiviertelstunde oszilliere ich zwischen den Zuständen „Von dem Stress muss er doch tot umkippen“ (vergebliche Hoffnung) und der Vorstellung einer Szene aus „Ein Fisch namens Wanda“, in der nach meiner Erinnerung ein Hündchen und ein Betonklotz vorkommen.

Die Götter des Fußballs, wenn es sie gibt, waren uns gestern nicht ganz so gewogen. Wir konnten noch so oft „Sankt Pauli“ skandieren. Zwar wurden die gewünschten Spieler eingewechselt, aber am Spielstand änderte sich nichts. Dennoch positiv: Wie sind jetzt mit etwas Verspätung im Turniermodus.