Doch was mich am meisten beschäftigt: dass sich alles auch nach über einem halben Jahr wie zu Hause anfühlte, dass es immer noch diese Vertrautheit mit den Zurückgelassenen gibt und dass ich mich einfach an meinen alten Platz hätte setzen und losarbeiten können.
Freitag, 8. September 2017
Vielleicht auch nur Herbstblues
Im Prinzip halte ich mich für einen vernünftigen Menschen. Doch meine Entscheidung, gestern Abend einer Party bei der Ex-Arbeit beizuwohnen, war nur mäßig klug. Zum einen aus den naheliegenden Gründen: wenig, später und restalkoholisierter Schlaf erschwert selbst den Casual Friday deutlich. Zum anderen habe ich dabei nicht bedacht, dass ich heute (endlich!) einen Termin in der Gerinnungsambulanz habe. Jetzt frage ich mich, ob sich am Ende Passivrauchen auch in irgendwelchen Blutwerten niederschlägt. Und wie schnell baute sich Alkohol nochmal ab? Hätte ich doch in Biologie besser aufgepasst.
Donnerstag, 7. September 2017
Na, toll!
Es wird wohl wirklich Herbst. Nach meiner Schließerrunde gestern Abend war es nahezu dunkel. (Ja, Eure Wohnungen stehen noch!) Das bedeutete, ich musste mir zusätzliches Licht verschaffen, als ich versuchen wollte, den zukünftigen Schal aus seinem Topflappenstatus herauszuholen. Ich stellte mir also meine Flamingolampe neben das Sofa. Da Geschicklichkeit nicht so mein Thema ist, warf ich sie im Verlauf des Abends um bzw. herunter. Sie funktioniert zum Glück noch, doch der Flamingo hat ein paar Federn lassen müssen (pardon the pun!). Die Sollbruchstellen Hals und Schwanz brachen durch bzw. ab. Ein weiteres Stück Glück, dass ich Sekundenkleber vorrätig hatte. Es kam, wie es kommen musste: schon beim Aufschrauben der Tube hatte ich es geschafft, den Inhalt größtmöglich auf die Finger meiner rechten Hand zu schmieren. Mit links kann man auch kleben, ich weiß es jetzt. Die gute Nachricht: Der Flamingo lebt wieder! Nur Ornithologen werden seine Brüche nach genauer Inspektion erkennen können.
Doch was mit meinen Waranfingern unternehmen? Über Nacht, beschloss ich, sie zu ignorieren. Wenn auch das Herauspicken der Kontaktlinsen etwas erschwert war. Doch pünktlich zum Weckerklingeln wurde mir das Problem wieder bewusst. Ich entschied mich für die Badewanne. Der Plan war, die Finger schrumpelig werden zu lassen und dann die entstandenen Hohlräume zum Abtragen auszunutzen. Gute Idee, doch ich beklage die klar-weiße Farbe von Sekundenklebern. Man kann Haut so schlecht von Klebe unterscheiden. Über Bimsstein und Schmerz zu gehen, ist wahrscheinlich die harte Schule. Egal, Schwamm drüber!
Dass mein Telefon mich wohl nie mehr als Inhaberin erkennen wird, weil mein Daumenabdruck auf ewig entstellt sein wird, finde ich nicht so schlimm. Dann merke ich mir wenigstens die PIN. Dass ich die Flamingolampe nun nicht mehr mit in die Wanne nehmen kann, auch kein allzu großer Verlust. Dass mir jetzt jedoch nie wieder jemand Komplimente wegen meiner weichen Hände machen wird, das trifft mich hart.
Mittwoch, 6. September 2017
Es riecht nur schlecht
Da heißt es häufig, Print sei tot. Wie oft habe ich den Satz bei meinem Jobwechsel gehört, als ich vom Medium Fernsehen zu dem Publikumszeitschriften überschwenkte. Ich hatte den gleichen Satz schon seit längerem und so oft zum Fernsehen gehört, dass ich darauf nicht mehr allzu viel gab. Am Rande: der Sohn baute gestern darauf, dass mein TV-Wissen aufgebraucht sei, als er mir auf der Suche (anstrengend ohne Fernbedienung) nach dem Qualifikationsspiel Türkei-Kroatien verklickern wollte, Nitro sei Pay TV. Ganz so dement bin ich nicht, Freundchen! Doch zurück zu Print. Das soll angeblich noch toter sein als Fernsehen. Meine n=1-Erfahrung sagt etwas anderes.
Gestern erhielt ich eine Sprachnachricht (Ehrensache!) der Tochter, die aktuell auf Kreta weilt. Ganz im Muttermodus befürchtete ich, es sei etwas passiert. Sie meldet sich doch sonst nicht... Was soll ich sagen? In der Nachricht bat sie mich darum, ob ich ihr eine GEO WISSEN-Ausgabe besorgen könne. Die heiße "Was kommt nach der Schule? und klinge sehr gut und ihre Freundin habe das". Sie wisse nicht, wie aktuell es sei, aber falls es älter sei, könne ich es vielleicht im Archiv auftun. In meiner Freude, dass nichts Schlimmes geschehen war, überlegte ich kurz eine - zugegeben etwas schnippische - Antwort (geschrieben, Ehrensache!), ob es dazu keine YouTube-Tutorials gebe. Dann habe ich einfach mal gar nicht geantwortet. Das schien mir zielgruppenadäquat und die Variante mit dem meisten Swag.
Dienstag, 5. September 2017
Neue Freiheit
Es gibt viele Gründe, derentwegen ich mich freue, den Arbeitgeber gewechselt zu haben. Wie immer gibt es natürlich auch ein paar Nachteile. So fehlen mir manche liebgewonnene Ex-Kollegen und die Vertrautheit mit ihnen. Doch einer der Hauptgründe, mich über den Wechsel zu freuen, ist sicherlich, dass ich heutzutage die taz der Nachbarin (die ich derzeit wegen ihrer Abwesenheit lesen darf) offen mit zur Arbeit nehmen kann, ohne mir in der Folge wochenlang Kommentare des Chefs anhören zu müssen. Manchmal läuft es eben.
Montag, 4. September 2017
Vier Stunden vor Elbe 1
Jetzt ist wohl die Zeit, in der alle verreisen, die keine schulpflichtigen Kinder (mehr) haben. Ich merke es an der Anzahl der Schlüssel, die sich in meiner Obhut befinden, damit ich Blumen gießen kann. Man nennt mich unterdessen auch Knastschließer. Ich gönne allen den Urlaub von Herzen, fühle mich jedoch auch so, als könnte ich welchen gebrauchen. Genau genommen ist die nächste Ferienwoche auch nicht mehr weit. Dennoch dachte ich mir, es wäre schön, sich weitere Vorfreude-Highlights zu schaffen. Da entdeckte ich, dass die Lieblingsband demnächst - naja, in gut acht Monaten - in der Elbphilharmonie spielt. Leider ist mir das Top-Event später als den meisten anderen aufgefallen. Die Karten sind klassisch bereits ausverkauft. Kein Problem, dachte ich, über das Internet tun sich weitere Möglichkeiten auf. Ich war schon so weit, das Doppelte der vom Anbieter angegebenen Preise zu bezahlen. Als mir die Brüder von Viagogo jedoch zusätzlich zum virtuellen Schwarzmarktpreis pro Karte 60€ Bearbeitungsgebühr abknöpfen wollten, war ich raus. 470 Hühner für zwei Konzertkarten, für die ich auf der Elbphilharmonie-Seite zusammen maximal 150 bezahlt hätte (wenn ich mich denn rechtzeitig darum gekümmert hätte), da hört der Spaß auf! Vielleicht besuche ich lieber das Konzert in München? Da komme ich mit Hotel und Flug günstiger weg. Nie wieder will ich mich über 25€ pro Karte für die Sven Regener-Lesung beschweren - echte Friedenspreise.
Sonntag, 3. September 2017
Wie aufregend!
Ausnahmsweise war ich einmal vorausschauend. Am Freitagabend beschloss ich, mir einen Schal zu stricken. Schals, die man kaufen kann, sind fast immer aus Wolle oder haben einen Wollanteil. Diese vertrage ich nicht auf der Haut. Deswegen liegt es nahe, sich selbst einen zu produzieren. Zum Glück verfüge ich einigermaßen über die DIY-Fähigkeiten. Die Tochter findet, einer der Vorteile anthroposophischer Schulen sei die Tatsache, dass man dort Handarbeit lerne. Ungläubiger Gesichtsausdruck, als ich ihr irgendwann einmal erklärte, Handarbeiten müssten nicht zwangsläufig mit Eurythmie einhergehen. In der schlechten alten Zeit sei man zwar nicht politisch korrekt erzogen worden, sei aber in jedem Bildungssystem in den Genuss mehr oder weniger profunder Näh-/Stopf-/Strick-/Häkel-Kenntnisse gekommen. Die größte Schwierigkeit bestand damals wahrscheinlich darin, seine selbstgefertigten, schiefen Topflappen nicht endgültig mit den allgegenwärtigen Negerküssen zu ruinieren.
Vorausschauend war meine jüngste Strickentscheidung aus mehreren Gründen. Erstens naht im September zwangsläufig die blöde kalte Jahreszeit. Zweitens gilt es die Dunkelheit längerer Abende zu bestreiten. Und drittens trete ich demnächst wieder einmal eine Flugreise mit Umsteigen an. Jeder vernünftige Mensch verbrächte die Wartezeiten vermutlich mit Lesen. Neugierig wie ich bin kann ich mich jedoch nicht auf die Lektüre konzentrieren, wenn um mich herum so viele spannende Konversationen stattfinden. Handarbeiten sind für Menschen mit offenem Ohr viel besser geeignet. Improve your status without neglecting your eavesdropping. Es sei denn, man stopft gerade Schlüpper. Was ohnehin nicht so mein Ding ist.
Ein Schal also. Mein Problem bestand darin, dass ich nicht wusste, wie viel Wolle (natürlich Baumwolle!) ich dafür benötigen würde. Es lag nahe, den Profi im Freundeskreis anzusprechen. Es entsponn sich auf meine Entscheidung gestern eine ausgiebige WhatsApp-Kommunikation über Nadelstärke, Lauflänge, Muster und Gewicht. Die Tochter hätte schon zu Beginn auf Sprachnachrichten umgestellt, aber ich bin so altmodisch und tippte demzufolge eifrig. Allerdings unterbrochen durch ein YouTube-Video - dass ich das nutze, hätte die Brut vielleicht wieder mit der Joghurtbecher-Strippe-Joghurtbecher-Mutter und ihren vorsintflutlichen Methoden versöhnt. Wer denkt, die neuen Medien lassen Menschen einsam vor ihren Displays zurück, irrt. Wir verabredeten uns in einem Café, um die Details zu Schal und Muster etc. zu besprechen. Mal was Neues: ein Date mit einem jungen Mann, um übers Stricken zu reden. Das von mir vorgeschlagene Café mag von manch' einem als Lesbenladen diskreditiert werden, es liegt in der Nähe, wir konnten gestern Nachmittag wunderbar in der Sonne sitzen und unsere Schals vergleichen. Seiner ist schon als solcher zu erkennen, meiner selbst mit viel Wohlwollen anhand der drei Reihen unter den Nadeln nicht. Ich rechne mit einer Fertigstellung kurz nach dem Berliner Flughafen. Was hoffentlich auch Herbst/Winter sein wird.
Als ob das alleine nicht Aufregung genug sei, lenkte mein Ohr am Nebentisch meine Aufmerksamkeit auf die Nachbarunterhaltung, die - das muss ich zu meiner Ehrenrettung sagen - auch schlecht zu überhören war. Einer der Gäste vom Nebentisch wickelte sich von Zeit zu Zeit in eine Flagge mit dem St. Georgskreuz ein. Ich vermutete nicht, dass er sich damit in unserem Dorf einschleimen wollte. Es waren Engländer. Geschult durch die Lektionen des Sohnes meinte ich herauszuhören, dass sie aus Liverpool kämen. Nicht so schwer, da sie häufig Sachen wie "Luch 'ier!" statt "Look here!" sagten. Ich nahm mir ein Herz und sprach sie darauf an. Es stimmte, sie waren gleichzeitig hingerissen und verwundert, woran ich das denn gemerkt habe. Die Höflichkeit gebot, dass ich "am Akzent" antwortete. Sie blieben überrascht, denn so stark sei er doch gar nicht. Noch begeisterter waren sie, als sie erfuhren, wir seien erst kürzlich in ihrer Heimat gewesen. Ich erzählte von unserem Ausflug zum Anfield Stadion. Einen kurzen Moment drohte die gute Stimmung zu kippen, da eine Hälfte von ihnen "Evertonians" und die andere für den FC Liverpool war. Ein Handgemenge konnte zum Glück vermieden werden. Ich war etwas in Sorge, denn sie hatten schon ein paar Getränke und der Nasen- und Zahnstatus unter den männlichen Mitgliedern ließen auch nicht das Allerbeste vermuten. Es fand sich glücklicherweise der gemeinsame Nenner, dass Jürgen Klopp sympathisch sei.
Ehe alle zehn Engländer in ihre Taxis stiegen, stellte ich fest, dass inmitten des Kreuzes auf der Flagge "McGrail" stand. Zuhause ergab meine vom Sohn angeleitete Internetrecherche ("Mama, du würdest selbst für Bilder in Wikipedia gucken!" - stimmt natürlich nicht!), dass wir neben dem amtierenden Bronzemedaillengewinner der Boxweltmeisterschaft im Bantam gesessen haben. Der - Wikipedia sei dank - auf den Namen Peter hört, gebürtig aus Liverpool kommt und auch der amtierende Europameister ist. So viel zum Lesbencafé.
Freitag, 1. September 2017
Alles wird besser
Der Sohn und ich freuen sich auf die Rückkehr der Schwester bzw. Tochter. Nicht nur, dass sie uns als Mensch fehlt. Beim Sohn geht das Vermissen sogar so weit, dass er in ihrer Abwesenheit in ihrem Bett schläft. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ihre Schlafgelegenheit nicht ganz so voll gerümpelt ist. Wer weiß das schon? Und wer will es überhaupt wissen? In jedem Fall fehlt sie uns. Wahrscheinlich vor allem deswegen, weil sie uns sachdienliche Hinweise zum Verbleib der Fernbedienung geben kann. Wer uns Tipps geben möchte: an den üblichen Stellen wie Toilette, Küchenzeile, Bett, hinterm Sofa o.ä. liegt sie nicht.
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