Seien wir ehrlich, den Juni und Juli hast Du ordentlich vergurkt. Jetzt gib Dir wenigstens für den August mal Mühe!
Freitag, 31. Juli 2015
Sommerwetter (vermeintliches)!
Du hast es nicht leicht, von überall schlägt Dir Unmut entgegen. Aber überlege mal, wie schwer es für uns ist. Deshalb sage ich: ich will im Juli wegen offener Schuhe nicht ungläubig von allen Stiefelträgern (!) angesehen werden. Ich will mir im Juni und Juli auf dem Fahrrad keine Handschuhe wünschen. Ich will im Sommer nicht überall und jederzeit Licht anschalten müssen. Ich will nachts und morgens nicht von Sturmböen und Regengüssen geweckt werden. Überhaupt möchte ich, dass morgens mal wieder die Sonne ins Fenster scheint. Ich will keine Jacken anziehen müssen. Ich will keine gemütlichen Abende auf dem Sofa mit Decke und Heißgetränk mehr. Ich will sie auf dem Balkon verbringen. Selbst die Blumen dort würde ich unterdessen gerne gießen. Ich will, dass die Harzfeuer-Tomaten endlich rot werden. Und ich will ganz bestimmt nicht in Regen und Sturm vom Fahrrad gepustet und umgekippt werden.
Donnerstag, 30. Juli 2015
Der Blitztrompf
Manchmal komme ich mir vor wie im Altersheim, obwohl ich mit zwei bis drei Teenagern zusammenlebe. Vorgestern Abend stritten sich die Tochter und der Sohn darüber, wer die größeren Leiden habe. Die Tochter klagte über Schnupfen ("So doll hatte ich den noch nie!"), während der Sohn in schillernden Farben seine Mandelentzündung vom Jahresanfang schilderte. Es blieb die ungeklärte Frage, ob schmerzhaft nervig sticht. Ich fühlte mich in einen Berliner Bus zurückversetzt, in dem sich zwei ältere Menschen um den Behindertenplatz stritten, blitzschnell ihre Schwerbeschädigtenausweise zückten, Prozentsätze verglichen, Gleichstand feststellen mussten und am Ende der als Sieger hervorging, dessen Ausstellungsdatum vor dem anderen lag.
Nur passend, dass sich der Sohn und seine Freundin gestern Abend mit den Worten zurückzogen, sie spielten jetzt noch Tyrannenquartett. Auf meine Frage, ob Gaddafi wieder aufgetaucht sei, antwortete er mit den weisen Worten: "Wer braucht schon Gaddafi?"
Mittwoch, 29. Juli 2015
Controlling
Um es vorweg zu schicken: ich bin gerne Mutter, denn ich liebe meine Kinder. Sie sind toll, wenn auch nicht immer pflegeleicht.
Manchmal gibt es jedoch Momente, in denen das Mutterdasein auf eine übertrieben harte Probe gestellt wird.
Gerade war wieder so einer.
Dabei hätte alles so schön sein können. Die Tochter kehrte aus ihrem ersten Urlaub allein unter Teenagern zurück. Gut, die Landung um 16:55 Uhr hatte zur Folge, dass ich im Schweinsgalopp von der Arbeit zum Flughafen hasten musste. Aber immerhin konnte ich mein erstgeborenes Kind in Empfang nehmen. Schade nur, dass es sich in lädiertem Zustand befand. Blass waren alle Mitreisenden - das ist Satz, wenn man als Sechzehnjährige aus Barcelona kommt -, aber meine Tochter zierte als Einzige eine knallrote Nase. Verschnupft bezeichnet ihren Zustand nur unzureichend. Sie schniefte, hustete und klagte über Druck auf den Ohren und dem Kopf. Die besorgte Mutter wäre ohnehin auf den Plan gerufen; verstärkt wurde die Sorge jedoch noch um das Wissen, dass sie am Folgetag mit ihrem Vater weiterzureisen gedachte. Selten drängte sich mir der Gedanke 'Fitspritzen' so sehr auf wie gestern. Dennoch versuchte ich es mit herkömmlichen Mitteln. Kaum Zuhause begann ich mit der Zubereitung einer Hühnersuppe sowie eines Bananenquarks. Letzterer macht sich fast von selbst, erstere leider nicht. Parallel ließ ich drei Waschmaschinenladungen laufen und hängte sie anschließend auf. Mit der Zeit reagierte ich auch zunehmend angestrengter auf die Fragen des Sohnes, wann das Essen fertig sei. Der Tag im Schweinsgalopp blieb nicht ohne Folgen. Ich war müde, gehetzt, besorgt und meine Hüfte quakte. Zum Nach-Nachtisch gab es für die Tochter noch eine Portion Aspirin Complex. Hatte sie doch vorher geklagt, sie schmecke und rieche nichts, konnte ihr die eklige Plörre nichts anhaben. Haste gedacht! "Man schmeckt die Ekligkeit.", waren die genauen Worte, ehe sie das Experiment abbrach mit den Worten "sonst muss ich kotzen". Gegen 22 Uhr erreichte sie nach vielen Versuchen endlich ihren Vater, um die genauen Reisedaten in Erfahrung zu bringen. Von ihm erfuhr sie, dass sie erst einen Tag später fahren würden. Im ersten Moment ärgerte ich mich über den unnötigen Zeitdruck, im zweiten wurde mir bewusst, dass ein weiterer Genesungstag zuhause nicht das schlechteste sei.
Heute früh ereilten mich auf dem Weg zur Arbeit zwei Anrufe der Tochter. Papa habe angerufen, sie verreisen nun doch heute. Die Nachfrage nach der Uhrzeit ergab 10 Uhr (Zeitpunkt des Telefonats: 9 Uhr). Also auf dem Absatz kehrt und letzte Instruktionen für Gepäck und Verhalten geben! Was für ein stoisches Kind ich doch habe, dass sie die kurzfristige Umplanung so klaglos hinnahm. Oder lag es am erkältungsbedingten Dämmerzustand?
Man merkt jedenfalls in allen Lebenslagen, dass der Ex-Partner Controller ist.
Dienstag, 28. Juli 2015
Juli in Hamburg
Was ist bloß los?
Da kämpfe ich ob Nässe, Kälte und Dunkelheit vorfristig mit heftigen Herbstdepressionen, dann werden auch noch die Ikonen meiner Kindheit mutwillig demontiert:
Beim Grillen mit der Hausgemeinschaft sind wir im Vorjahresvergleich um ca. 2000% im Rückstand. Den holen wir wohl nicht wieder auf.
Die Tochter schickt aus der Ferne Nachrichten mit dem Inhalt: "ich bin wahrscheinlich krank :((("
Sofort geht das mütterliche Kopfkino los. Spanische Grippe? HIV-infiziert? Zum Glück verfügt die Reisegesellschaftsmitmutter über brauchbarere Informationsquellen; die Mädchen haben Halsschmerzen. Und heute Nachmittag schon können wir die Pandabären wieder in Empfang nehmen.
Trotzdem hatte ich mir den Sommer anders vorgestellt.
Montag, 27. Juli 2015
Morgengrauen
Eigentlich kann es doch nicht sein, dass ich Ende Juli morgens nicht aufstehen möchte, weil es mir ohne Decke nicht warm genug ist.
Belüge ich mich jetzt schon im Dämmerzustand?
Sonntag, 26. Juli 2015
Aus Liebe
Dass der Sohn aus Liebe auf den Fleischverzehr verzichtet, ist nichts Neues. Schon im Kindergartenalter verliebte er sich in seine vegetarische Babysitterin und blieb eine Zeit lang solidarisch fleischfrei. Entgegen den damaligen Prognosen seiner Schwester: "Dafür mag er Fleisch viel zu gerne!" Heutzutage hat er sich von seiner Freundin umstimmen lassen. Nicht weil sie ihn missioniert hätte, weil er vor Liebe zu Tieren verginge oder weil er Fleisch nicht mag. Alles eher im Gegenteil.
Auch auf mich greift diese Ernährungsumstellung über. Seit langem habe ich kein Fleisch oder keine Wurst mehr gegessen. Gestern jedoch war es wieder soweit. Die Planung sah Dosebierhuhn vor. Während ich die Dose nach Internet-Recherche (bei der herauskam, dass die Lacke von der Dose durch Hitze und Alkohol abgelöst werden und von dieser Zubereitungsart abgeraten wird) durch eine Flasche Sekt ersetzte, konnte ich das Huhn schlecht mit Tofu nachmodellieren. Immerhin war es eines aus fairer Aufzucht.
Kurz nach diesem Bild ist die ganze Chose übrigens umgekippt. Alles Sledgehammer-Abspielen brachte nichts, das Huhn lag.
Es hat großartig geschmeckt. Der Sohn blieb trotz der Aromen standhaft in seiner Verweigerung. Was ich ihm jedoch noch höher anrechne: dass er mein Foto vom nackten Huhn auf Instagram "geliket" hat, lange Zeit als einziger (unterdessen gibt es noch einen zweiten Like, ich bin voll Fame). Auch aus Liebe, vermute ich.
Samstag, 25. Juli 2015
Unglückspilz
Ich bin unglücklich. Und ärgere mich über mich selbst. Was es nicht besser macht. Das kam so:
Letzte Woche gab mein Fahrrad auf (d. Red. berichtete) und so brachte ich es zum örtlichen Fahrradhändler. Dort war ich betrübt über die lange, entbehrungsreiche Zeit ohne mein Rad. Was will man machen? Leider fiel mir erst ein, als ich den Auftrag bereits erteilt hatte, dass ich es besser zu unserem dörflichen Fahrrad-Faktotum gegeben hätte.
Zwei Tage vor der prognostizierten Zeit konnte ich mein repariertes Rad wieder in Empfang nehmen. Gegen einen Obolus von nur 63,80€. So weit, so positiv. Allerdings wurde bei der Reparatur das zerstört, was mir als einziges wirklich wichtig ist an diesem Fahrrad. Menschen, denen ich es verliehen habe, wissen es, weil ich vor jedem Verleih sage: "Du musst nicht besonders vorsichtig sein, es kann alles kaputt gehen, nur der Pilz muss heil wieder zurückkommen!". Bei dem Pilz handelt es sich um die Fliegenpilz-Hupe, die ich von der Tochter vor gut drei Jahren zum Geburtstag bekommen habe.
Als ich die Zerstörung im Laden monierte, meinte die Fachkraft - allen dort gäbe ich gerne eine kleine Einführung in dienstleistungs-orientierter Kommunikation -, ich müsse "das Ding mal richtig ankleben, es hänge nur am seidenen Faden".
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