Immerhin verfestigte sich in mir - ob der Aussicht auf einen Tag im September, an dem es nicht hell zu werden versprach - heute die Vorstellung, ich könnte wegen der Ambiance und des Wohlgefühls neben meinem Bildschirm Kerzen anzünden. Warum soll der Sohn der Einzige in diesem Haushalt sein, der kokeln darf? Am Arbeitsplatz kommt es mir fast noch sicherer vor als auf dem Hochbett. Wird aber vermutlich ein Fotofinish.
Freitag, 25. September 2020
Wenn es dunkel und kalt wird...
... kommt der Katalog mit den Weihnachtskugeln ins Haus geschneit (sic!). So werdet Ihr mit mir garantiert kein Geschäft machen, ich trage noch Sandalen! Zu recht und undeutsch sogar ohne Strümpfe.
Donnerstag, 24. September 2020
Seit der Himmel
Es ist nicht einmal so, dass im Moment gar nichts passiert. Es gibt sie schließlich noch, die lauschigen Abende auf dem Balkon in bester Gesellschaft. Dennoch komme ich gedanklich immer wieder auf das letzte Wochenende zurück, auch wenn die Brandblasen nach und nach besser werden und der Muskelkater überwunden ist. Meine größte Leistung der Tage bei meinen Eltern war nicht die körperliche Arbeit in der Pflanzenbekämpfung. Sie bestand im Versuch, der Nachbarschaft vielleicht arbeitserleichterndes Werkzeug entlocken zu können. Dazu musste ich mich zu den Nachbarn begeben, die in schönster Mehrgenerationen-Harmonie zum Kaffeestündchen auf dem eingemauerten und gepflasterten Vorplatz des Hauses saßen (während die scheckheftgepflegte, 1A-vertikutierte Rasenfläche im Garten hinterm Haus wie üblich für bessere Zeiten geschont wird). Die Besetzung gilt es sich so vorzustellen: Tochter (um die 50 Jahre) und ihre Eltern sitzen auf Camping-Klappstühlen (so diese erkennbar ist mit ausgeblichener 70er Jahre-Bespannung) um einen ebensolchen Tisch, in dessen Resopaloberfläche das verblichene Wachstuch bereits serienmäßig eingebaut ist. Darauf Kaffeebecher unterschiedlicher Provenienz. Ausnahmsweise nicht dabei: Ehemann und Tochter der Tochter. Die Stühle der beiden anwesenden Frauen werden ob des Lebendgewichts hart an die Grenze der zulässigen Maximalbelastung gebracht. Vielleicht sogar darüber. Einzig der Vater kommt etwas dynamischer daher. Demzufolge wende ich mich mit meinem Ansinnen an ihn. Ob ich die Geräusche vorher richtig gedeutet habe und sie einen Hecksler haben, den sie uns ausleihen können. Die Tochter ignoriert mich geflissentlich, die Mutter blickt mich stumm und herablassend mit demonstrativ zusammengekniffenen Lippen (kluges Konzept, sollte sie vielleicht öfter tun) an. Wahrscheinlich weil mein kaputtgespieltes Aussehen die Friseurin in ihr nicht erfreut. Immerhin kann ich sagen, dass meines einigermaßen temporär ist. Einzig Papa durchbricht die schweigende Tristesse. Nein, das sei ein Vertikutierer gewesen. Freunde, ich mag zwar Stadtkind sein, aber ich kann die Geräusche eines mechanischen Vertikutiergeräts schon von einem motorisierten Hecksler unterscheiden! Wenn ihr mir keine Gerätschaften ausleihen oder ihr mich nicht unterstützen wollt, sagt es mir ruhig. Ich kann gut damit leben.
Selten habe ich mich mehr über das Glück gefreut, in die richtige Familie hineingeboren worden zu sein.

Beiläufige Notiz am Rande zur allgemeinen Auffrischung: Wer noch einmal sagt: „Hach, Herbst, einfach schönste Jahreszeit!“, bekommt ansatzlos eine gedrückt. Ich bin gerade in Stimmung.
Dienstag, 22. September 2020
Still wird das Echo sein
In meiner Reihe „Neue Erlebnisse“ habe ich gestern einen Posten vergessen: unsere Hin- und Rückfahrt zu meinen Eltern. Dass sich einige Menschen beim Autofahren in ihrer Denkleistung nicht wesentlich von, sagen wir, da der Gedanke saisonal gerade so naheliegt, Wespen unterscheiden, war keine neue Erfahrung. Schon eher die Erkenntnis, dass es unter Transportunternehmen auch solche mit philosophischer Ausrichtung gibt (Das wirft gleich die Frage auf, ob auch anthroposophische Umzugsfirmen existieren? Wenn ja, ihnen viel Spaß mit den nicht-rechtwinkligen Umzugskartons und ebensolchen LKW!). Auf einem Rastplatz sah ich im Vorbeifahren bzw. im Vorbeigefahrenwerden einen britischen Laster mit Anhänger, auf denen der Unternehmer oder die Unternehmerin in gelber Negativschrift auf weinrotem Grund den Slogan „Fear is temporary, regret is forever.“ angebracht hatte. Das ist sicherlich tiefsinnig (oder wie die Brut es ausdrückte: „safe deep“). Allein, ob es dem Geschäft zum Vorteil gereicht, vermag ich auch nach längerem Nachdenken nicht zu sagen.
Montag, 21. September 2020
Das alles kommt mit
Wieder einmal gab es für meine Alterskohorte in kürzester Zeit viele erste Male. Obwohl sie unterdessen doch ausgefallen sein sollen. Da wäre zum Beispiel die Erkenntnis, dass der Plan „Gartenarbeit light“ nicht umsetzbar ist. Einsatz im Garten kommt, so weiß ich jetzt, binär „anstrengend“ oder „gar nicht“ daher. Herbstliche Grautöne sind an der Stelle nicht vorgesehen. Obwohl wir einen Bambuswald gerodet haben, der einen fetten Panda-Clan auf längere Zeit glücklich gemacht hätte, habe ich nicht etwa Rückenschmerzen oder Muskelkater im Oberkörper. Nein, er beschränkt sich auf die Oberschenkel. Den kannte ich bisher nicht vom Bambus-Verhackstücken. Eine beachtliche Menge dem Garten entrissener Brombeer-Lianen und Brennessel-Büsche kam zwar nicht auf gleich viel Volumen wie der Bambus, war aber auch beeindruckend. Wenn auch nicht ganz so wie meine amtlichen, in Bestzeit nässenden Brandblasen, die ich zum ersten Mal im Leben (!) aus dem Kontakt mit piksenden Pflanzen entwickelte. Meine Arme sehen noch immer aus, als hätte ich sie kurzzeitig in der Fritteuse geparkt. Überhaupt reifte die Überzeugung, dass alles Schlechte im Garten auf einen Namen mit B hört. Neben der Erfahrung, dass Bambus noch in der Entsorgung aufmuckt, indem er einer mexikanischen Springmaus gleich wieder und wieder aus Mülltonnen hüpft, gibt es über ihn zumindest auch Positives zu berichten: werden nach getaner Arbeit am Abend seine hölzernen Rohre verbrannt, wird die Cowboy-Lagerfeuer-Romantik garantiert zerstört, weil sie unter bestimmten Voraussetzungen im Feuer knallen wie oberarmdicke China-Böller. Wahrscheinlich rührt die Bambus-Affinität der chinesischen Pandas genau daher. Mein Vater, ganz Naturwissenschaftler und Pyromane in Personalunion, hatte schnell heraus, welche Bedingungen die Stangen erfüllen müssen, um echte Kracher zu sein („mindestens zwei Kammern“). Entsprechend stapelten sich neben ihm bald viele Rohre, die wir in Ermangelung der oben genannten Eigenschaften blöderweise zu kurz gekappt hatten und die er für „ungeeignet“ befand. So immerhin kam doch, nur selten durchbrochen durch laute Knaller, vor dem Feuer der eine oder andere gefühlvolle Moment auf. Wäre da nicht der fernmündlich hinzugeschaltete Bruder gewesen, der anregte, solche Öko-Böller seien eine Marktlücke. Ab dem Moment habe ich Margen berechnet.
(Es gab auch pittoreske Momente.)
(Es gab auch pittoreske Momente.)
Freitag, 18. September 2020
Romantik, sagen sie
Für rosarot getünchte Gefühle waren wir zu spät. Dabei gab das Umfeld alles. Doch was tun, wenn der Sonnenuntergang sich schon mal ohne die eigene Präsenz erledigt hat? Immerhin war es nach der im Schweinsgalopp hingelegten Tour de Hambourg anfangs nicht allzu kalt. Da allerdings endet mein Zweckoptimismus, denn ich trage die Schuld, die schöne Romantik vereitelt zu haben. „Scheiß‘ doch auf die Seemannsromantik! Ein Tritt dem Trottel, der das erfunden hat.“ Doch ich greife vor. Mir als Quasi-Neuhamburgerin - immerhin keine dreißig Jahre hier und noch niemand vor mir in Ohlsdorf zu liegen - war nicht klar, dass es in der Hansestadt drei „Hamburg Cruise Center“ gibt. Das erste erreichten wir überpünktlich. Leider war es nicht das, in dem ein Konzert stattfinden sollte. Und leider auch das, das vom dritten maximal entfernt war. Immerhin auf der Habenseite: das zweite konnten wir auslassen, nachdem uns die Google-Recherche dazu ermutigte. Wieder einmal bewahrheitete sich die gute, alte Regel, dass in Hektik getroffene Entscheidungen nicht immer die besten sind. So hätten wir die Wahl der Verkehrsmittel von A nach B optimieren können. Doch erstens gilt es das durch die Krise gebeutelte Taxigewerbe zu subventionieren und zweitens liegt das Cruise Center Steinwerder für mein Empfinden derart in der Einöde, dass wir es ohne professionelle Hilfe vermutlich nicht (oder wenn, noch viel später) gefunden hätten. Die als „Box“ bezeichneten Sitzplätze erreichten wir also deutlich nach Konzertbeginn und auch nicht ohne die Rüge des Platzanweisers, uns nicht vorschriftsmäßig dorthin begeben zu haben. Was natürlich schwer problematisch ist, wenn alle anderen bereits sitzen und sich besagte Boxen ohnehin draußen befinden. Aber egal, denn Herr Regener sang und blies schon für uns. Und sofort war sie wieder da, die Erinnerung an das Konzert vor zwei Jahren in Lübeck, als die in der Nachbarschaft stehende Truckerlesbe (leider fällt mir keine politisch-korrekte Beschreibung ein) im Moment, als ebendieser Herr Regener zur Trompete griff, weithin hörbar skandierte: „Sven, blas‘ mir einen!“ Auch diese Reminiszenz kein Anlass, besonders gefühlsbetont zu werden. Hinzukam die nüchterne Analyse, dass bei näherer Betrachtung auch Musikstars - zumal mit allen Beinen fest in der Risikogruppe stehend - nicht ganz unbeschadet durch die letzten Monate gekommen sind, was Faltenwurf und BMI angeht. So vorteilhaft Video-Leinwände neben der Bühne für die Wahrnehmung weit voneinander entfernt sitzenden Publikums sind, so wenig sind sie es für die Akteure. Am Ende wird sogar in der Dunkelheit offenbar, dass der Frontmann nicht nur die gleiche Frisur hat, sondern auch die gleiche Tönung wie die Kanzlerin einsetzt. Schön und stimmungsvoll war es trotz Frisuren, die nichts für Musiker tun, und der verpassten Programmpunkte Sonnenuntergang/Konzertbeginn.
„Diesmal, mein Herz, diesmal fährst du mit.“
Dass der Rückweg unglaublich lange dauerte, die Bandmitglieder in ihrem schwarzen Berliner Mannschaftsbus schon winkend an uns vorbeifuhren, während wir auf den Shuttlebus warteten, konnte in vollem Umfang den Hamburger Verkehrsbetrieben angelastet werden. Was ich begierig tat. Schon allein, um von der Hinfahrt abzulenken. Doch selbst deren Aufregung war hilfreich (doch wieder Zweckoptimismus!), denn so konnte ich das solitäre Konzert 2020 ohne Herzprobleme überstehen.
Donnerstag, 17. September 2020
Stark
Endlich passiert wieder etwas! Heute Abend findet also mein erstes - und voraussichtlich letztes - Konzert dieses Jahres statt. Umsonst zwar nicht, aber dafür immerhin draußen. Ich bin mir noch unsicher, ob ich so viel Aufregung an einem Tag verkraften werde. Wenn sonst die Abwechslung in meinem Alltag darin besteht, dass ich einen neuen Gebrauchstee habe, der auf den Namen „Fritjof“ hört. Wenn die verwegene Erkenntnis des Tages heißt, dass Wespen vegetarische oder gar vegane Ersatzwurst nicht als Nahrung anerkennen. Sie optisch zwar von ihr angezogen werden, sie kopfschüttelnd nichts davon absägen und sich anschließend akribisch alle Füße reinigen, mit denen sie darauf herumgetrampelt sind. Auch gut, dann muss ich wenigstens nicht teilen. Wenn der wochentägliche Hauptaufreger bedeutet, beim Teekochen jeden Schultag wieder Privatschüler zu beobachten, die sich, ihre aktuellen iPhones gezückt und (für was auch immer) eingesetzt, im Schutze der Mandelbäumchen vor meinem Küchenfenster vor Lehrern oder Hausmeistern verstecken, um danach schnell über den Zaun zu klettern und sich anschließend unauffällig schlendernd auf dem meist leeren Schulhof zu bewegen. Ob ich ihnen zu verstehen geben sollte, dass ich sie sehe? Dass Cyber Mobbing verwerflich ist? Dass mein Schweigen kostet (Notiz an mich selbst: Bei den Forderungen nicht am falschen Ende sparen!)? In jedem Fall ärgere ich mich schon fast, dass ich mit meiner Mandelbaumhege - die ich im Gegensatz zur Zierkirsche daneben von ihren befallenen Ästen erlöst habe resp. erlösen konnte und somit am Leben erhielt - ein Biotop für schnöselige Blondknäblinge erschaffen habe. 
(Natur, ohne Eindringlinge)
Spätestens heute Nacht werde ich wissen, ob ich einen solchen Abend überstehen kann. Sollten meine Fotobeweise auf den üblichen Netzwerken irgendwann abrupt abbrechen, war es vermutlich zu viel.
(Natur, ohne Eindringlinge)
Dienstag, 15. September 2020
Meinetwegen
Wenn es nach mir ginge, dürfte es bis Weihnachten so bleiben: eine Mittagspause bei 30° und Sonnenschein auf dem Balkon. Home Office sei Dank sogar ohne die Notwendigkeit, den Temperaturangaben Drei-Wetter-Taft hinzuzufügen. Mein aktueller Standort mag zwar - wie in der Werbung damals - Hamburg sein, aber es ist eben nicht der Flughafen sondern mein windgeschützter Balkon. Wenn ich noch eine kleine Anregung geben sollte: es könnte abends erst etwas später dunkel werden. Ich fürchte, allein daran wird deutlich, dass es eben nicht um mich geht.
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