Ein Kollege erklärte mir, ab Ende Januar werden die Tage schneller länger. Das liege an der Erdkrümmung. Ein Satz, den man zum Glück nicht verstehen muss, um damit jeden Partysmalltalk zu bereichern. Langer Rede, kurzer Sinn: alles in allem blicke ich zuversichtlich in die nähere Zukunft.
Sonntag, 7. Februar 2016
Änderungen
Eigentlich wollte ich gestern in einen befreundeten Weinladen gehen, dort ein wenig plaudern (so gut, dass ich es klönen nennte, bin ich nun doch nicht im Norden assimiliert) und Wein für den Hausgebrauch kaufen. Man ahnt es schon; es kam anders. Stattdessen ging ich wieder meinem Lieblingswinterhobby nach: der Schimmelentfernung im Schlafzimmer. Ich gehe davon aus, dass ich demnächst bei Budni die RB-Platinum-Card überreicht bekomme. Als Cillit Bang Schimmelentferner Power User steht sie mir eigentlich zu. In jedem Fall kann ich mich rühmen, das hässliche, chlorfreie Geruchsloch zwischen uns und der Alsterschwimmhalle zumindest zeitweilig gestopft zu haben. Ja, es ist nicht alles schlecht. So kann ich heute auch verkünden, dass die Hinrundenschmach getilgt ist. Die lange Zeit der Winterpause (Weihnachten inklusive) musste ich beim Tippspiel drei Punkte hinter dem Neffen fristen. Das wurde entsprechend häufig thematisiert. Wäre ich ein weniger stabiler Charakter, hätte ich von dieser Zeit Schaden getragen. Statt dessen glaubte ich unerschütterlich an meine Prognosefähigkeiten. Erster Rückrundenspieltag: ein Punkt vor dem Neffen. Über den zweiten legen wir den Mantel des Schweigens; er hatte vergessen zu tippen. Am dritten liege ich bisher 21 Punkte vorne.
Samstag, 6. Februar 2016
Doch, es gibt blöde Fragen!
Heute titelt das Abendblatt mit der Frage "Helfen Excel-Tabellen bei Presswehen, Herr Professor?". In meiner Branche gilt das als selten dämliche Frage. Excel-Tabellen helfen bekanntlich bei allem. Um das zu wissen, muss man nicht Professor sein.
Speerspitze der Avantgarde der Konsumkritik
Heute will ich auch an dieser Stelle meine Dienstleistungsmentalität unterstreichen. Getreu dem Motto "Wess' Brot ich ess', dess' Lied ich sing'" ist dieser Post eine Auftragsarbeit. Der Wunsch eines treuen Lesers, hier einen Eintrag mit obigem Titel zu sehen. Dem komme ich natürlich gerne nach. Auch wenn ich mich ein wenig in Grundschulzeiten zurück katapultiert fühle: "Schreibt eine mindestens zweiseitige Geschichte, in der die Begriffe "Hund", "Schaf", "Lattenzaun" und "Kunstdünger" vorkommen!" Bei Schule fällt mir ein, dass der Sohn letzthin stolz verkündete, er "übe jetzt, bei der Mathenachhilfe extrovertiert zu sein". Ein Unterfangen, das ihm nach eigener Auskunft so gut gelinge, dass er darin erfolgreicher sei als der Lehrer. Er steigerte in diesem Zusammenhang 'extrovertiert' zu 'extrovertierter'. Irgendwie war ich froh, dass er den Superlativ 'am extrovertiertesten' nicht gebrauchte.
Doch zurück zum Thema Konsumkritik. Gestern wunderte ich mich über Kollegen, die auf ihre Franzbrötchen fett Nutella schmierten. Auf meine Nachfrage meinten sie, es sei (gestern) Welt-Nutella-Tag, da müsse man auf alles Schokoschmadder tun. Ob das stimmt oder sie mich nur foppten, kann ich nicht sagen. In jedem Fall erwiderte ich, wenn das so sei, haben sie das Ganze meines Erachtens zu lieblos durchgezogen. Nur ein popeliges Glas der Normalgröße (ok, +50 Gramm gratis). Es hätte schon mindestens ein 750-Gramm-Glas dort stehen müssen. Außerdem hätte es ein Wurstbrot, eine Laugenbrezel oder Hühnersuppe sein müssen, denen man Nutella hinzufügt. Wenn man diese Marketinggeschichten wie Welt-Nutella-Tag, Halloween oder Valentinstag mitspielt, ist man in der Pflicht, es damit auch anständig bis übertrieben zu halten, finde ich.
Donnerstag, 4. Februar 2016
Fernsehen und Verstand
Erklärend muss ich vorwegschicken: normalerweise halte ich nichts von Bonsche-Pädagogik. Doch das Zeugnis der Tochter war so großartig, dass selbst ich fand, man könne ihr dafür etwas schenken. Dabei ließ sich das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Ich organisierte uns Sonntag noch Karten für das Fraktus-Konzert. Seit Wochen singt (ich sollte eher sagen: performt) die Tochter schließlich ihr Lieblingslied des aktuellen Albums: "Maler und Lackierer". Selbst einen Overall hat sie sich aus Authentizitätsgründen besorgt.
Als ich gestern Abend von der Arbeit kam, fand ich die Tochter wie üblich chillend vor RTL2s "Köln 50667" vor. Als ich vorwarnend verlauten ließ - wir waren unterdessen bei "Berlin - Tag & Nacht" -, noch eine halbe Stunde bis Abflug, sah mich die Tochter so fragend an, wie man es beim Niveau der Beschallung erwartete. Was soll ich sagen? Sie hatte das Konzert vergessen! Das bedeutete nur eine knappe halbe Stunde für Schminken und Overall. Sie wäre nicht sie, wenn sie es nicht bravourös geschafft hätte.
Mittwoch, 3. Februar 2016
Angsthase
Schon als Kind bin ich ängstlich gewesen. Ist so. Lässt sich wohl als Erwachsene nicht mehr ändern. Als Mutter schon gar nicht. Ein erster Schritt ist vielleicht, wenn ich selbst erkenne, dass ich es mit der Angst übertreibe.
Gestern Abend zogen die Kinder in trauter Zweisamkeit los, um sich bei Jim Block Burger zu besorgen. Der Sohn ist nach wochenlangem (selbst gewähltem!) Fleischentzug gerade scharf darauf, das Verpasste zu kompensieren. Die Tochter gelüstete es nach einem Falafel-Burger. Dass die Kinder bei ihrem Beutezug über den Hansaplatz gehen würden, sorgte mich weniger als der Sturm. In meinem Kopfkino sah ich sie erschlagen von Dachziegeln oder Ästen. Passierte zum Glück natürlich nicht.
Dass meine Angst völlig überzogen war, merkte ich spätestens heute früh. Im Radio war die Rede von Sturmschäden auf der Bahnstrecke Hamburg-Berlin. Die Tochter: "Was für'n Sturm?"
Dienstag, 2. Februar 2016
Pfiffige Geschäftsidee
Oft schon habe ich mich gefragt, warum genau die Produkte, die mir gefallen, in schöner Regelmäßigkeit nicht mehr hergestellt oder vertrieben werden. Kaum, dass ich das Shampoo fürs Leben gefunden habe, wird es bei Budni mit dem neonfarbenen Schild "Ich gehe" versehen und aus dem Programm genommen. Der Besuch bei Rossmann oder dm ergibt leider wenig Anderes. Einziger Unterschied, die Auslauf-Waren werden dort reduziert. Um es an dieser Stelle öffentlich zu äußern: ich habe kein Problem damit, zum Mainstream zu gehören.
Jetzt plane ich, aus diesem Phänomen Profit zu schlagen. Ich biete mich gerne allen möglichen Firmen an, ihre Produkte vorab zu testen. Wenn sie bei mir ankommen, brauchen sie gar nicht erst auf den Markt gebracht zu werden, denn sie sind zum Ladenhüterdasein verdammt. Wie wär's?
Montag, 1. Februar 2016
Weltliteratur
Auch wenn man krank ist, hat das Wochenende Charme. Lange Frühstücke mit der Tochter, gemeinsame (in Anbetracht unser beider Erkältungen: kurze!) Museumsbesuche, anschließend Kuchen. Dessen zwangsläufige Folge der gemeinsame Drang nach etwas Salzigem war.
So erfuhr ich auch, dass sie bereits Teile ihres Geburtstagsgutscheins in Literatur umgerubelt hat. "Das Schloss" von Franz Kafka ("Der sieht so komisch aus. Der Einband war hübsch. Ich habe mir vorgenommen, mehr Klassiker zu lesen"). Sie schaffen es doch immer wieder zu überraschen.
Diese Worte brachten mich dazu, darüber nachzudenken, wie es damals bei mir mit dem Lesen war.
Ich war im Hinblick auf Bücher ein Spätentwickler der besonderen Art. Mit einem großen Bruder, der nichts Geschriebenes links liegen lassen konnte, hatte ich es manchmal nicht leicht (Oh, die schwere Kindheit!). Er tauchte mit dicken Wälzern in eine Welt ab, aus der man ihn bei aller Liebe nicht herausholen konnte. Irgendwann, ich muss wohl fünf Jahre alt gewesen sein, hatte ich das Prinzip des Lesens begriffen. Nachdem ich das allen Anwesenden unter Beweis gestellt hatte, verfügte ich, man möge mir auch einen "Kamai" reichen. Das waren die dicken, dunkelgrünen Bücher, denen der große Bruder anheimgefallen war. Ich begann. Das Tempo war ob der Unbeholfenheit schleppend. Ich kam nicht über die Anfänge der unglaublich langweiligen Beschreibungen Kurdistans oder irgendeines anderen doofen Ortes der Welt hinaus. Ich war durch mit Büchern! Die waren Mist. Was der große Bruder bloß daran fand? Aber der las ja auch auf der Margarinepackung die gesamte Zutatenliste. Es folgten Jahre mit Comics und Bilderbüchern. Auch als sie vielleicht nicht mehr ganz altersgemäß waren. Ich hatte ohnehin die Theorie, dass Eltern mit dem ersten Kind ihr gesamtes Intelligenzpulver verschossen haben. Damit musste ich als Zweitgeborene zu leben lernen. Irgendwann, ich muss schon im Gymnasium (wie ich das geschafft habe? Nur dank der vehementen Intervention meiner Eltern) gewesen sein, gab ich Büchern wieder eine Chance. Sie hatten immerhin auch ein paar Bilder. So kam ich etwas retardiert zu Astrid Lindgren und Erich Kästner. Um dann nahtlos mit Robert Gernhardt weiterzumachen. Ich stellte fest, dass auch ich vollkommen in die Bücherwelt abtauchen kann. Nur eben in eine vollständig andere, die nicht von Karl May oder Stanislaw Lem geschaffen wurde.
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