Sonntag, 14. Juni 2026

Freiwillig hier?

Schon seit Ewigkeiten weiß ich, dass die wichtigste Informationsquelle der Zeit im Feuilleton liegt. Mit der aktuellen Ausgabe habe ich diese Erfahrung bestätigt bekommen. Damit meine ich weder die groß aufgemachten Artikel über das Frauen-Übergewicht bei Newcomer-Romanautorinnen und -autoren (selbst schon bemerkt) noch den Auszug des Bundespräsidenten nebst Gefolge ins Interimsdomizil (auch schon mehrfach gehört). Nein, ich meine die Notiz, prominente amtierende und ehemalige Fußballspieler seien jetzt in den angesagten Social Media-Ecken unterwegs. Endlich etwas Substantielles und wahrhaft Investigatives von Berrit Diesselkämper: Dass die besagten „Videos irgendwo zwischen Urlaubsgrüßen technologisch unbegabter Eltern und einer gewaltsamen Geiselnahme“ oszillieren.

Der kurze Text tröstete mich über die haushohe Niederlage der Mannschaft aus Paraguay hinweg, die ich im Tippspiel als Weltmeister festgelegt hatte. Ebenso wie über die Schmach der Schweizer, in einer sterbenslangweiligen Partie unentschieden gegen Katar zu spielen. Immerhin fiel das Ausgleichstor der Katarer, nachdem der große Ricardo Rodríguez ausgewechselt wurde. „Anfängerfehler“, wie meine Mutter diesen Move bezeichnete. So grün ist der schweizerische Trainer allerdings nicht mehr. Dass ich die Begegnung Haiti gegen Schottland exakt richtig prognostiziert hatte, verschaffte mir heute früh einen kurzen Moment der Genugtuung. Viel mehr wog jedoch, nicht durch ein türkisches Autokorso geweckt worden zu sein. Mein Dank gilt der australischen Mannschaft - und besonders Conor Metcalfe vom FC St. Pauli! - für den Sieg gegen die Türkei und dafür, dass sie kein Gegentor zugelassen haben. Ich hoffe am nächsten Sonnabend und am übernächsten Freitag auf eine Wiederholung, denn die kommenden Spiele mit türkischer Beteiligung beginnen nach unserer Zeit noch früher. „Damit die alte Frau ihre Ruhe hat“, kommentierte der Chef meinen Wunsch vor ein paar Wochen uncharmant. Der feine Herr wohnt auch nicht mit dem Kopfkissen halb auf dem Steindamm. Mein Bedarf an Gehupe und Getröte ist mit der Qualifikation gegen Kosovo für dieses Jahr ausreichend gedeckt - und ich habe den Eindruck, so geht es hier nicht nur Menschen meiner Alterskohorte. Die Lärmbelastung unseres sonst so beschaulichen Dorfs ist mit diversen Baustellen, dem notorisch hysterischen Dackel Aloys und der Altglascontainer-Leerung am frühen Montagmorgen im Alltag bereits ausgereizt. Vom Straßenfest (erledigt) und CSD (Anfang August) gar nicht zu sprechen.

Freitag, 12. Juni 2026

Alle Jahre wieder

Nun habe ich also dieses Alter erreicht, in dem ich auf fremde Hilfe angewiesen bin. Offensichtlich hat die Fehlsichtigkeit unterdessen so zugeschlagen, dass ich wichtige Details übersehe. Die Tochter brauchte etwa 30 Sekunden, um meine 24 Stunden währende Freude über eine vollständige Mannschaft im Panini-Album zu demontieren. Hatte ich doch anstelle der Nummer 20 von Ecuador die von Kolumbien eingeklebt - und mich nicht einmal darüber gewundert, dass auf beiden Positionen ein Mann desselben Namens saß. Vom identischen Aussehen ganz zu schweigen. Sie bemerkte es schon beim Aufschlagen der Ecuador-Seiten. Suchte mich dann aber zu beruhigen, die Farben seien identisch, die Flagge sehr ähnlich und die Trikots wirklich kaum zu unterscheiden. Das ehrte sie; mir war es dennoch peinlich. Vielleicht sollte ich anständig Mohrrüben essen.

Immerhin ist beim Nachtschlaf Besserung in Sicht. Ich muss nun nicht mehr halbliterweise Coca Cola trinken, weil unser Panini-Heft nun alle zwölf - unter der Banderole versteckten - Bilder enthält. Und diesmal wirklich. Ich habe sie zwar schlecht (krumpelig) eingeklebt, aber nicht falsch. Dazu scheine ich vorerst noch in der Lage zu sein. Mal sehen, ob diese Fähigkeiten bis zum nächsten Fußballturnier überleben werden. Vermutlich kann ich schon froh sein, nicht während des Eröffnungsspiels eingenickt zu sein.

Freitag, 5. Juni 2026

Norddeutscher Sommer

Während es unterdessen am Wetter liegt, war in der Zeit davor meine Faulheit der Grund, weshalb ich nicht mit dem Rad zur Arbeit fuhr. Einerseits hätte das Fahrrad aufgepumpt werden müssen, andererseits müsste man einmal die Bremse checken und vermutlich reparieren. Als Alleinverantwortliche fürs Fahrzeug kann ich in diesem Fall nur auf Heinzelmännchen hoffen, doch aus dem Alter bin ich wohl länger heraus. Auch mein Versuch, das Rad zeitweilig an den Sohn zu verleihen, scheiterte an der gleichen Schwäche. Nur  diesmal an seiner. Inzwischen fällt sie weder bei ihm noch bei mir merklich auf. Regen und Temperaturen suggerieren mehr oder weniger konstant, sich anderer Transportmittel zu bedienen. U-Bahnfahren ist auch nicht schlecht. Zumal der Ausstieg an der Station „Rathaus“ unterhaltsam sein kann, wenn er aus dem ersten Waggon geschieht. Ich habe es noch nicht ganz verstanden, aber es scheint, als wechselten dort die Fahrer oder statteten sich zumindest Besuche ab. Einmal kam - was wegen des namensgebenden Gebäudes häufig passiert - eine Rotte Viert- oder Fünftklässler auf ihrer Stadtrallye angelaufen (vermutlich um zur Elbphilharmonie weiterzufahren) und winkten dem Fahrer freundlich zu. Der ebenfalls ankommende Kollege klopfte hart gegen die Seitenscheibe der Fahrerkabine und herrschte diesen an: „Nächstes Mal winkst du zurück, Freundchen!“ Ein anderes Mal kam wieder die Ablösung oder Ergänzung und der Fahrer meinte zum Kollegen: „Setz‘ dich einfach hinten rein und genieß‘ die Fahrt!“ Oft werde ich enttäuscht, wenn sich beide nur stumm mit Händedruck begrüßen. Wahrscheinlich machen sie es bloß, um die landläufigen Vorurteile der vielen Touristen über Norddeutsche zu bestätigen.